Über die Grenzen von Demokratie und Selbstbestimmung / Tocquevilles “Notbehelf”: les mœurs.

November 10, 2011 at 6:36 pm (Uncategorized)

Der erschöpfte Bürger und die Ambivalenz der Demokratie
Vortragsreihe des Instituts für Philosophie der Uni ULM

Die demokratische Ordnung und die politischen Sitten

Es ist ohne Zweifel so, dass ein demokratisches Regime seine Bürger erschöpfen kann. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass die demokratische Regierungsform ihre Bürger zu überfordern vermag. Praktisch, aber auch was die Einhaltung sittlicher Maßstäbe anbetrifft, sind die Bürger gleichsam letzte Instanz.
Die Demokratie basiert auf der Überzeugung, dass die Bürger selbst am besten wissen, was für sie und das Gemeinwesen gut ist. Dieses Wissen soll ihnen helfen zu beurteilen, wer sie regieren soll und was sie von den Regierenden erwarten sollen oder können.

Das führt zu Problemen:

Zwei davon will ich – unter Zuhilfenahme der Überlegungen des Hauptwerkes von Alexis de Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“ – hier besprechen.
1. Die meisten Menschen sind nicht aus vernünftiger Einsicht gut. Mehrheitsdemokratien können als sehr wohl Unrecht und Ungerechtigkeit hervorbringen.
Und:

2. Gerade in Demokratien sind die Regierenden (das ist wesentlich so) von den Stimmen der Bürger abhängig. Politiker in Demokratien kommen durch Wahlen ins Amt. Die Versuchung ist also unvermeidlich, dass Politiker nicht das Nötige sondern das Populäre versprechen und oft auch entscheiden. Das ist aber nicht immer das Gute für eine Gesellschaft.

1. Mehrheiten können Unrecht begehen.
Hinge die Überlebensfähigkeit, Stabilität, Kontinuität und Rechtlichkeit freier Gesellschaften von intakten moralischen Standards einer großen Mehrheit ihrer Bürger und deren Einsicht in die Richtigkeit sittlicher Maßstäbe ab, brächen sie allesamt zusammen. Es ist nicht Einsicht, die die Mehrheit der Bürger einer Gesellschaft zum rechten Handeln und zum Beurteilen der Handlungen ihrer Regierenden bewegt.

Das bürgerliche und zivilisierte Verhalten der Menschen ist ein dünner, zerbrechlicher und leicht absplitternder Lack an der Oberfläche. Darunter lauern Habgier, Machtgier, Neid, sexuelle Triebe, Fresslust und Mordlust. Zornesausbrüche, Triebe und Wut können die Menschen zu Mord, Vergewaltigung, anderen Gewalttaten und sadistischen Quälereien treiben. Diebstahl, Treuebruch, Betrug, Unzuverlässigkeit, Schlaumeiereien, Intrigen und viele andere Arten, die Mitmenschen und Mitbürger hineinzulegen, stellen eine ständige Versuchung für viele dar. Und: manche Menschen entwickeln Allmachtsträume, aus denen Wahnvorstellungen eigener Überlegenheit, Phantasien über die Weltherrschaft oder über die eigene Unsterblichkeit ebenso entspringen können wie – haben sie Macht – andere Revolten gegen die Bedingungen menschlicher Existenz. Viele lassen sich von derartigen Phantasmen verführen oder auch mitreißen. Unter der oft sehr dünnen Schicht der Vernunft, treiben die Geister der Triebe, der Leidenschaften und der Phantasmen die Menschen um.

Wir wissen das eigentlich sehr genau: Viele Menschen haben die Tendenz, Gesetze dann nicht einzuhalten, wenn sie sicher sein können, nicht ertappt zu werden. Im Zustand der Aufgeregtheit sind sie zudem zu allen möglichen Handlungen fähig. Selbst wenn sie sich anfangs als widerständig zeigen … ist erst einmal eine Stimmung entstanden, in der die Gesetze nicht eingehalten werden, zieht dies immer mehr Menschen in den Strudel der Gesetzlosigkeit hinein. Ob es sich da um Steuerhinterziehung handelt, die zum Kavaliersdelikt wird, oder um die Teilnahme an einer Plünderung, bei der die zuerst am Straßenrand stehenden langsam vom Taumel des unbestraften und ungefährdeten Aneignens angezogen werden; am Ende machen fast alle oder doch sehr viele mit. Oft werden auch Gewalttaten von aufgeregten Menschenmengen begangen, die aus ganz normalen Bürgern bestehen. Die Amerikaner haben dem nur den Namen gegeben; die Tendenz dazu findet sich überall, wo es für den Notfall keine integere und wirkungsvoll arbeitende Polizei gibt.

Dieses Problem ist nicht neu sondern so alt wie politische Gemeinschaften bestehen. Zu Beginn der Nikomachischen Ethik zitiert Aristoteles den Hesiod mit den Worten:
„Der steht allen voran, der selbst ein jegliches einsieht
Wenn er bedenkt was danach und hin bis zum Ende das Beste
Tüchtig ist zweitens auch der, der dem Gutes Ratenden folgsam.
Doch wer es selber nicht sieht und auch nicht, hört er’s vom anderen
Sich zu Herzen es nimmt, der Mann ist nicht zu gebrauchen.“

Aristoteles zitiert die Stelle aus Hesiods Erga,i um einen bestimmten Typus von Studenten vom Besuch seiner Lehrveranstaltung abzuhalten: den erkennbaren moralischen Dummkopf, der in den Lehrveranstaltungen über Ethik und Politik nur Techniken und Methoden des Erwerbs und der Erhaltung der Macht kennenlernen will – und vielleicht noch das Funktionieren der politischen Institutionen. Da der Philosoph aber, der Überzeugung ist, dass die Kenntnisse des erfolgreichen Gebrauchs von Macht nur jenen gelehrt werden dürften, die die Macht auch zu guten Zwecken einsetzen, will er die moralisch stumpfen und unsensiblen Hörer aus der Vorlesung hinausgraulen.
Er betont zu diesem Zwecke die Ungleichheit der Fähigkeit, moralische Urteile mit Hilfe der Vernunft zu fällen. Die Menschen sind gerade in diesem Bereich ungleich. Sie sind ungleich nicht nur in äußerlichen Gütern wie Körperkraft, Aussehen, Hautfarbe etc.; wir Menschen sind auch ungleich in unseren Fähigkeiten, das Gute zu erkennen. Und: wir sind ungleich in unserer Fähigkeit oder unserem Willen, entsprechend der Erkenntnis des Guten zu handeln. Die Gleichheit der Bürger ist eine Gleichheit hinsichtlich ihrer Rechte. Sie ist keine Gleichheit faktischer Art. Und so wichtig die Gleichheit der Rechte ist, so wichtig ist andererseits, dass wir uns bewusst machen, dass dies nur diese eine und durch Satzungen, Verfassungen und Recht geschaffene Gleichheit ist. Faktisch sind wir in vielen Hinsichten ungleich.ii

Es ist diese letztere Ungleichheit der Fähigkeit aus eigener Einsicht zu erkennen, was gut und gerecht ist, die Politiker, Bürger und ganze Demokratien oft in Probleme hineinschlittern lässt, die dann der Demokratie zugerechnet werden, die aber tatsächlich der Natur normaler menschlicher Gesellschaft geschuldet sind. Menschen sind keine Engel.iii

Eine Mehrheit der Bürger einer jeden durchschnittlichen Gesellschaft handelt weder aus eigener Einsicht gerecht, noch handelt gar die Mehrheit gerecht, weil Einsichtige sie dazu auffordern. Die meisten Menschen, die eine Gesellschaft bevölkern, sind von einer gewissen moralischen Unberührtheit, Stumpfheit oder auch Skrupellosigkeit, und ihr Handeln hat – wenn es denn gerecht ist – andere Gründe als eigene Einsicht oder die Einsicht fremder Autorität.

Spätestens an dieser Stelle müssen wir nun doch dem Zitat des Hesiod etwas Reserve entgegenbringen. Beim Autor der „Werke und Tage“ klingt das doch reichlich wegwerfend, wenn er über die, die weder von sich aus noch der Autorität anderer folgend, gerecht handeln, sagt, sie seien ‚nicht zu gebrauchen’.

Die Theologen erklären uns, auch derartige Menschen seien ‚Kinder Gottes’, die Ökonomen machen uns klar: solche Menschen können erfolgreich arbeiten, organisieren und konsumieren; die Soziologen erklären uns, derartige Menschen gründen erfolgreich Familien, ziehen Kinder groß, leben glücklich, helfen Nachbarn in der Not, zahlen die Steuern, die Sozialversicherung, Krankenversicherung und die Raten für die Doppelhaushälfte.
Die Politologen erklären, warum derartige Menschen welche Partei wählen, wie sie sich politisch verhalten, wie sie ihren Interessen Ausdruck verleihen… kurz: wie sie sich als anständige Bürger verhalten. Manche von Ihnen haben sogar öffentliche Ämter inne, füllen sie in der Alltagspolitik auch gut aus; im großen und ganzen handelt es sich um ‚anständige Bürger’, die die Mehrheit der Gesellschaft ausmachen. Aus derartigem Holz sind Demokratien geschnitzt.
Aristoteles will sie nicht in seiner Vorlesung haben; aber sie bilden die Mehrheiten vermutlich in allen Gesellschaften, also auch in Demokratien… Wie geht das zusammen? Wir müssen, wenn wir – und das ist der Fall – die Hesiod’sche Klasseneinteilung für richtig halten, erklären und begründen, warum Demokratien – die ja doch stärker als Aristokratien oder Monarchien oder andere Minderheitsherrschaften von den Meinungen, Stimmungen und Überzeugungen der Mehrheit der Bürger geprägt sind – nicht im moralischen Chaos versinken, auch keine besonders kriminellen Veranstaltungen sind, ja in aller Regel sogar die meisten moralischen Standards einhalten.

Die Antwort ist ebenso einfach wie einleuchtend: Die Drei-Klassen-Einteilung der Gesellschaft nach Hesiod reicht gewiss aus, um verständlich zu machen, warum Aristoteles nicht jedermann in seiner Vorlesung dulden will. Fürs Unterscheiden der Qualität politischen Handelns aber reicht die Drei-Klassen-Gesellschaft des Hesiod nicht hin. Die Regeln des „numerus clausus“ sind kein ausreichendes Instrument Bürger als Bürger zu klassifizieren. Die Güte einer Gesellschaft kann nicht allein durch die Zahl oder gar die Vorherrschaft der Vernünftigen erklärt werden.

Neben der Klasse der aus eigener Einsicht gerechten Bürger und der Klasse der der Erkenntnis der Einsichtigen folgenden und gehorchenden Bürger hat Hesiod und ihm folgend Aristoteles nur noch die Klasse der moralisch stumpfen Bürger übriggelassen. Tatsächlich handelt aber auch von diesen eine beträchtliche Anzahl in nahezu allen Situationen vernünftig und gerecht… das Problem ist nur, dass sie es nicht aus Einsicht oder gar aus Liebe zur Gerechtigkeit tun. Für die Etablierung des numerus clausus in der aristotelischen Akademie genügt die Hesiod’sche Klasseneinteilung, für eine weitergehende Gesellschaftsanalyse ist sie zu undifferenziert.

Die letztgenannten Bürger einer Gesellschaft, die sozusagen, halten die Gesetze und die ungeschriebenen Regeln moralischen Anstands, die ‚Standards’ bürgerlichen Handelns und Verhaltens aus recht unterschiedlichen Motiven ein:
* Etliche handeln entsprechend den Normen der Gesellschaft, in der sie leben, weil sie es von Kind auf eingeübt haben, sich so zu verhalten. Die Gewohnheit hat ein den bürgerlichen Standards entsprechendes Verhalten für die meisten Menschen zur zweiten Natur werden lassen. Es handelt sich um Moralität aus anerzogenem Gehorsam.
* Etliche verhalten sich einigermaßen vernünftig und gerecht, weil sie von den intakten Standards ihrer Nachbarn und Bekannten ausgehen, und weil sie deren Naserümpfen oder deren gesellschaftliche Missachtung und die Verachtung unrechtmäßigen Verhaltens fürchten. Diese Fälle praktizieren Moralität aus Angst vor Verpönung.
* Eine weitere Klasse von Bürgern aber ist nur durch massivere Formen der Abschreckung von unmoralischem und ungerechtem Verhalten abzuhalten: Sie benehmen sich nur gut, weil sie die Strafen für Gesetzesverstöße fürchten: Moralität aus Angst vor Strafe.
* Die letzte Klasse, die dann noch zu erwähnen ist, sind jene, die weder die Gesetze noch gar die Standards bürgerlichen Wohlverhaltens einhalten. Die Gesetzesfeinde, das Gesindel, und das sind nicht immer nur die Schränker, Mörder und andere Unterwelt-figuren.

Es ist klar, auch die neue Liste und die hier vollzogene Ausdifferenzierung sind nicht erschöpfend; die Übergänge sind zudem oft fließend; aber niemand wird bestreiten, dass diese Klasseneinteilung den Anspruch erheben kann, einen wichtigen Aspekt der gesellschaftlichen Wirklichkeit einigermaßen realistisch zu beschreiben.

Für uns wichtig bleibt die Menge der Bürger, die teils aus eingefahrener Übung und teils aus Sorge vor der Verachtung der Nachbarn die gesellschaftlichen Standards einhält. Sie sind der eigentliche Stoff, aus dem auch demokratische Gesellschaften bestehen. Diese beiden, zusammen vermutlich immer in der Mehrheit befindlichen Bürgerklassen, bestehen aus Menschen, die in aller Regel ordentliche Bürger sind, anständige Menschen, gute Nachbarn und brauchbare Glieder der Gesellschaft. Sie ergänzen die beiden von sich aus oder aus Einsicht in Belehrung gerechten Klassen. Außer in besonderen Krisenzeiten treten mit diesen Bürgern auch keine Probleme auf, im Gegenteil, sie sind Stützen der Ordnung.

Die Prädominanz dieser Bürgerklassen ist aber gerade in Demokratien nicht so problemlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Dem Analytiker werden die Schwierigkeiten bewusst, wenn er sich klarmacht, dass die geschilderte und von Qualitäten bestimmte Hierarchie der verschiedenen Bürgerklassen mitnichten vollkommen, manchmal sogar nicht einmal in Andeutungen mit der realen Hierarchie der Macht- und Einflussverteilung der Bürger in der Gesellschaft übereinstimmt. Mit anderen Worten: es sind nicht immer, eher meist nicht, auf jeden Fall selten, die Gerechten, die regieren. Oft bestimmen nicht einmal die Verständigen die Geschicke der Gesellschaft.

Platons Republik ist weder Beschreibung der Gesellschaft und der politischen Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika noch der Bundesrepublik noch irgend eines anderen Landes.

Gerade Demokratien tendieren dazu, jene mit den Regierungsgeschäften zu betrauen, die moralisch eher angepasst sind, und die eher aus Gewohnheit oder wegen Erfolgsstrebens die in der Gesellschaft vorherrschenden – das heißt bei anderen vermuteten oder beobachteten – Standards einhalten. Sie sind gerecht nicht aus Einsicht oder weil sie der Belehrung Einsichtiger folgen.

Daraus aber entstehen Ordnungsprobleme, die von uns politischen Wissenschaftlern kaum, oft eher beiläufig, gar nicht oder aber als Ausnahmefälle behandelt werden – wenngleich sie ja doch das Zentrum einer großen Reihe von Krisen, vor allem aber das Zentrum der Normalität demokratischer Ordnungen treffen.

Die drei Klassen von Bürgern, die moralische Standards weder aus Einsicht noch aus einsichtigem Gehorsam, sondern aus anerzogener Gewohnheit oder aus Angst vor Missachtung oder Strafe einhalten, gehorchen den Gesetzen und halten die Standards ein, weil sie es so gewöhnt sind, mit anderen Worten, weil die Sitten ihr Verhalten prägen.
Es ist sicher kein Zufall, wenn das Wort ‚Sitte’ zwei Bedeutungen hat: bezeichnet das Wort doch das in der Gesellschaft Übliche ebenso wie das, was sich ziemt, was richtig oder rechtens ist.
Die Sitten und Gewohnheiten, die das Handeln und Leben der Menschen in Gesellschaft bestimmen, sind darum das eigentliche Zentrum jeder demokratischen politischen Gesellschaft – ihre wesensbestimmende Substanz. Denn: die Sitten und Gewohnheiten sind der Ersatz für eigenständige Einsicht in das Vernünftige und Gerechte.
Sitten und Gewohnheiten haben einen bedeutenden, sehr weit gehenden Einfluss auf die Stabilität, die Regierung, die Entwicklung und die Politik einer Gesellschaft.

Alexis de Tocqueville, dessen Untersuchung über die Demokratie in Amerika ja die erste große Untersuchungen über diese moderne Großflächendemokratie der USA ist, sagt beim Untersuchen dieser neuen Gesellschaft habe er nichts anderes gemacht als ins Zentrum seiner Darstellung eben die Sitten oder „mœurs“ – wie der französische Ausdruck lautet – zu stellen.
De Tocqueville hält die „mœurs“ für den entscheidenden Faktor für die Stabilität einer politischen Ordnung und in Amerika für das entscheidende Element zur Erhaltung der Freiheit. Ein Großteil des zweiten Bandes der Démocratie en Amérique behandelt die besonderen demokratischen mœurs (Das Wort wird im Allgemeinen mit „Sitten“ übersetzt; wir werden sehen, dass dies nicht den gesamten Inhalt des Gemeinten erfasst.) Schon der erste Band seines Werkes über Amerika schildert, wie das amerikanische politische Leben, die amerikanische Verhaltenskultur und die amerikanischen politischen Institutionen der Demokratie dienliche mœurs fördern oder erhalten. Die amerikanische Besonderheit, der Vorzug der Amerikaner ist, dass ein Großteil ihrer mœurs der demokratischen Freiheit dienlich ist. Dies ist die große Chance der amerikanischen Demokratie.

Am Ende dieses ersten Bandes der Démocratie en Amérique findet der Leser ein abschließendes Kapitel, das die Hauptursachen unterstreicht, die dazu beitragen, dass die demokratische Republik in Nordamerika sich erhält und stabil ist. Das wichtigste Ergebnis seiner Überlegungen zur Stabilität der Demokratie in Nordamerika formuliert Tocqueville in der Überschrift eines Unterkapitels: „Die Gesetze tragen mehr zur Erhaltung der demokratischen Republik in den Vereinigten Staaten bei als die geographischen Umstände und die mœurs noch mehr als die Gesetze.“ iv

Mit anderen Worten: Die mœurs sind für die Stabilität der amerikanischen Union wichtiger als die geschriebene Verfassung, und sie sind auch wichtiger als die besondere geopolitische Lage der USA. In einer Fußnote zum ersten Absatz des so überschriebenen Unterkapitels erinnert Tocqueville seinen Leser an die in einem vorangegangenen Kapitel gegebene Beschreibung dessen, was er mit mœurs bezeichnet. Wir lesen an der Stelle, auf die er hinweist: „Ich verstehe hier den Ausdruck mœurs in dem Sinne, den die Alten dem Wort mores gaben; ich verwende ihn also nicht nur auf die eigentlichen Sitten an, die man liebgewonnene Gewohnheiten nennen könnte, sondern auf die verschiedenen Begriffe, die die Menschen besitzen, die verschiedenen Meinungen, die unter ihnen gelten, und auf die Gesamtheit der Ideen, welche die liebgewonnenen Gewohnheiten bilden.“v
Die mœurs oder Sitten und Gewohnheiten beschreiben also den gesamten Kosmos der Denk-, Verhaltens-, Debattier- und Interpretationsweisen einer politischen Gesellschaft; ihre Art, die öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Angelegenheiten zu beschreiben, ihre Symbole und Gemeinplätze, ihre Werte und die sich aus diesen ergebende Praxis menschlichen und bürgerlichen Handelns und Verhaltens.

Dieses Ensemble der jeweils besonderen Denk-, Interpretations- und Handlungsmuster ist konstitutiv für die Eigenheiten einer jeden Gesellschaft ;vi manche Muster aber sind für die Ausformung von demokratischen Ordnungselementen unabdingbar, und nur diese interessieren Tocqueville in seinem Werk über die USA. Tocqueville erklärt zu den mœurs, die er untersucht: „Ich beschränke mich jetzt darauf, das unter ihnen zu beschreiben, was zur Erhaltung der politischen Einrichtungen beiträgt.“vii Im Buch folgen dieser Ankündigung drei Kapitel über die christliche Religion und ein Kapitel über die Geisteshaltung, die Gewohnheiten und die praktischen Erfahrungen der Amerikaner. Danach finden wir das Kapitel mit der zitierten Überschrift, das die zentrale Bedeutung der mœurs für die Stabilität der amerikanischen Union hervorhebt. Dieses Kapitel und mit ihm praktisch der erste Band der Démocratie en Amérique wird mit folgenden Sätzen abgeschlossen:
„Die Wichtigkeit der mœurs ist eine allgemeine Wahrheit, die von Untersuchungen und Erfahrung ständig bestätigt wird. Mir scheint sie das Zentrum meiner Überlegungen; ich entdecke sie am Grunde aller meiner Einsichten. Ich will noch ein Wort hinzufügen. Sollte es mir nicht gelungen sein, im Laufe dieses Werkes dem Leser klarzumachen, dass ich dem praktischen Sinn der Amerikaner, ihren Gewohnheiten und ihren Meinungen, mit einem Wort ihren mœurs, die größte Bedeutung zumesse, dann habe ich das Hauptziel verpasst, das ich mir beim Schreiben gestellt habe“. viii

Geht man nun vom Wissen aus, dass Tocqueville – geplagt von der gescheiterten Revolution von 1789, die Frankreich ins Chaos und in den Bonapartismus gleiten ließ – nach der Quelle von Stabilität und Ordnung sucht, dann wird einem bewusst, wie wichtig auch für ihn die Sitten tatsächlich waren und sind .
Und das ist keine Marotte von Tocqueville: Ohne mœurs, ohne stabile Verhaltens- und Meinungsstandards, ohne eine gemeinsame Sprachsymbolik betreffend die gemeinsamen d. h. öffentlichen Angelegenheiten, gibt es wohl nicht nur keine Demokratie sondern vielmehr Hass, Missgunst, Chaos, Unrecht, Faustrecht, Korruption und Horror. Wenn für die Menschen idealiter das xynon die Vernunft ist, dann ersetzen in den einzelnen Gesellschaften die Sitten und Gewohnheiten gleichsam als hinuntergekommene Vernunft das xynon, das Gemeinsame, damit eine Gesellschaft überhaupt eine Gesellschaft sei.

Die Herrschaft der Mehrheit, der Mehrheitsmeinungen und der Vorurteile in der Demokratie

Gerade in einer freien Ordnung muss jede Politik mit den Gewohnheiten, eben den Sitten, äusserst vorsichtig umgehen. Auch wenn die mœurs vielfach recht unvernünftig sind, oft Unrecht sichern helfen und Ungerechtigkeiten stabilisieren : es wäre noch unvernünftiger sie nicht zu achten. Wer in diesem Bereich etwas ändert (und das ist fast ständig nötig!) muss mit zitternder Hand zu Werke gehen. Die moeurs behindern gewünschte Änderungen ; sie sind aber für die Stabilität unabdingbar.
Dies gilt letztendlich für jede Regimeform. Für Demokratien aber sind die Ordnungsprobleme noch um einiges schwieriger:
Alexis de Tocqueville spricht in diesem Zusammenhang von einer der schlimmsten Krankheiten demokratischer Ordnung: der Allmacht oder der Tyrannei der Mehrheit. Sie ist eine spezifische und unvermeidliche Eigenart der Demokratie soweit sie „Demokratie“ ist.
Um dem Problem aus dem Wege zugehen, haben wir uns angewöhnt, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Ablehnung des „imperativen Mandats“, Verfassungsprimat und viele andere Bremsen unserer freiheitlichen Ordnungen in unser „Verständnis“ von Demokratie mit aufzunehmen; tatsächlich handelt es sich dabei aber um andere als demokratische Elemente unserer freiheitlichen Ordnungen.
Diese Angewohnheit, die gewiss etwas mit dem Siegeszug des Ausdrucks „Demokratie“ in der Moderne zu tun hat, (jede ordinäre Diktatur nennt sich heute „Demokratie) ist aber für die Analyse der Probleme demokratischen Regierens nicht hilfreich. Die Besseren unter den Analytikern haben deshalb neue aber nie in den Sprachgebrauch voll aufgenommene Wortsymbole eingeführt: Manche helfen sich mit der Unterscheidung von „repräsentativ“ und „plebiszitär“ ix wo man eigentlich von „aristokratisch“ und „demokratisch“ sprechen könnte. Andere reden von « Fehlentwicklungen »  der Demokratie die ihr spezifisch sind, und nennen es „Populismus“.

Ich zitiere, was de Tocqueville über „Amerika“ sagt, was aber vor allem für „die Demokratie“ in Amerika gilt :
„Was mich in Amerika am meisten abstößt, ist nicht die weitgehende Freiheit die dort herrscht, es ist die geringe Gewähr, die man dort gegen die Tyrannei findet … Erfährt ein Mensch oder eine Partei in den Vereinigten Staaten eine Ungerechtigkeit, an wen soll er sich wenden? An die öffentliche Meinung? Sie ist es die die Mehrheit bildet; an die gesetzgebende Versammlung? Sie stellt die Mehrheit dar und gehorcht ihr blind; an die ausübende Gewalt? Sie wird durch die Mehrheit ernannt und dient ihr als gefügiges Werkzeug … an das Geschworenengericht? Das Geschworenengericht ist die mit dem Recht zum Urteilssprechen bekleidete Mehrheit; die Richter selbst werden in gewissen Staaten von der Mehrheit gewählt …“ x
Wenige Passagen später findet der Leser in einer Fußnote den ganzen Zweifel begründet der Tocqueville betreffend die Herrschaft der öffentlichen Meinung umtreibt. Wir lesen dort: „Eines Tages sagte ich zu einem Bewohner Pennsylvaniens: Er erwiderte mir: sagte mir der Amerikaner, xi

2. Die Herrschaft der Politiker unter dem Druck der öffentlichen Meinung und der privaten Überzeugungen der Bürger
Die Regierenden haben die Tendenz – gerade in Demokratien – dem Volke nach dem Munde zu reden und nach dem Geldbeutel der Wähler zu handeln.

Wir Menschen sind nicht nur ungleich in unserer Fähigkeit Recht von Unrecht zu unterscheiden. Wir sind ungleich auch in unseren praktischen Fähigkeiten und in unseren gesellschaftlich-ökonomischen Fähigkeiten und in unseren intellektuell-verstehenden Qualitäten.
Mich interessiert hier und jetzt nicht die von Pädagogen und Revolutionären so geliebte Frage, ob dies eine Folge der Gene, des Milieus oder der Erziehung sei, dass es diese beobachtbaren Unterschiede gibt. Ich stelle diese Unterschiede einfach fest und frage, was dies für eine demokratische Ordnung, die zudem liberaler Provenienz ist, bedeutet.
Unsere hoch-administrierten Gesellschaften mit den Sozialkassen, den Versicherungen, den Arbeitsverwaltungen, den Wohnungsbaugesellschaften, den Riesenunternehmen und all dem was unsere moderne Welt ausmacht sind für eine sehr große Anzahl von Menschen schlechthin unverständlich. Das ganze liberale Getue, dass ein jeder seine eigenen Angelegenheiten selber regeln könne und solle ist eine gigantische Schönrednerei.
Schon relativ ausgebildete Menschen scheitern leicht an Problemen wie einer privaten Altersvorsorge, der Frage welche Schule die Kinder besuchen sollen, sie scheitern oft bei der Wohnungssuche auf dem „freien“ Markt, der Jobsuche etc. Gar einen Arzt, der wirklich helfen kann zu finden … woher soll ein „normaler“ Mensch die Kriterien für die Auswahl denn hernehmen.
Durchschnittliche Köpfe sind noch hilfloser.
Wir helfen uns im Undurchschaubaren durch eingeholte Ratschläge von Nachbarn, Bekannten, Kollegen, Freunden … Wer je umgezogen ist in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land, der hat bemerkt was ihm alles fehlt : an kleinen und großem Wissen, an wen er sich wenden soll, an Beziehungen, die weiterhelfen … so geht es dem „normalen“ Stadtbewohner der nicht überdurchschnittlich clever ist fast ständig. Der Normalbürger ist ausgeliefert. Erfolgreiche und vernünftige Lebensplanung inklusive Altersvorsorge ist doch ein liberales Hirngespinst, propagiert von Bessergestellten, die sich in der Ellenbogengesellschaft zurecht und nach oben boxen können.
Gegen Ende des Höhlengleichnisses fragt Glaukon, ob es denn einen Grund für den Philosophen gäbe wieder in die Höhle der Gesellschaft hinabzusteigen. Sokrates antwortet: „…ihr habt eine bessere und vollkommenere Erziehung erhalten und ihr seid nun besser imstande,, sowohl hier wie dort zu wirken. Ihr müsst deshalb hinabsteigen ..“xii
Der Ausgebildete und auch der in praktischen Angelegenheiten Geschicktere hat für die anderen Verantwortung; er verdankt ja auch der Gesellschaft, dass er mehr weiß und mehr kann; wer nur die Ellenbogen gebraucht versündigt sich an der Gesellschaft, die ihn trägt und hervorbrachte.
Hier stoßen wir nun auf ein strukturelles Dilemma gerade der Demokratie: Verantwortlichkeit der Mächtigen, besser Gestellten, Klügeren und Wissenden kann auch missbraucht werden. Hilflosigkeit kann auch durch übertriebene Versorgungshaltung zu Wahlzwecken missbraucht werden. Ich rede noch nicht einmal von der Korruption. Die Mächtigen bleiben mächtig und die weniger gut gestellten werden „versorgt“ und halten so Ruhe. Es entsteht eine Ambiguität der „Versorgerei“.
Sobald eine wahlrelevante Gruppe der Bevölkerung Schwierigkeiten hat, sind Politiker – grade in Demokratien – zur Lösung des Problems „aufgerufen“. Politiker wollen wiedergewählt werden. Der Machterhalt wird zum Hauptgrund ihres Handelns. Und unsere „Demokratietheorien“ sagen ja auch, dass dies sie dazu bewegt, die Wünsche des Volkes zu erfüllen. Es wird also nach dem Willen den Volkes regiert. Die Ziele der Wirtschaftspolitik, der Schulpolitik, der Wissenschaftspolitik und auch der Sozialpolitik und vieler anderer Bereiche sollen den Vorstellungen der Bürger entsprechen. Die Bürger aber sind an ihrem ganz privaten Wohlergehen interessiert und sie sind konservativ – in anderem Sinne als die politische Bewegung des Konservatismus – sie wollen bestehende Sozialrechte, Privilegien, Leistungen, Sicherheiten erhalten und ausbauen, ihre Kinder – ob die doof sind oder nicht – auf der Uni studieren lassen und so weiter; und dies ist in unseren modernen Demokratien zu einem ernsten Problem geworden. Wir lösen einen Teil unserer Luxusprobleme als seien es Armutsprobleme. Wir gewöhnen unsere Bürger so an einen Grad des Versorgt-Seins, der sie entmündigt.

Im gesamten ökonomischen und sozialen Bereich einer Gesellschaft wollen die Gesetzgeber, wenn sie intervenieren, ein bestimmtes Problem oder eine Klasse von Problemen lösen. Und: sie wollen ihre Wiederwahl sichern. Der Machterhalt ist wichtiger Motor des Politiker-Handelns. Auch wenn heute kaum mehr gemordet wird, wir sind allesamt Erben des Niccolo Machiavelli. Es geht nicht so sehr um gute Amtsführung. Das Vorbereiten der nächsten Wahl und der mehr oder weniger permanente Wahlkampf gelten als „demokratische Politik“. Politik hat sich im Verständnis von Politikern, Journalisten, Wählern, das heisst von fast allen, auf das Geschäft des Macht-Gewinns oder Erhalts reduziert. Gesetze werden gemacht um Wähler zu befriedigen.
Tatsächlich haben aber Gesetze in aller Regel neben der Lösung eines Problems eine zweite Wirkung. Diese zweite Wirkung der allermeisten Gesetze ist: sie verändern das Verhalten, die Einstellungen und die Gewohnheiten der Bürger. Das geschieht natürlich nicht MIT EINEM SCHLAGE. Aber schrittweise bewirken Gesetze, besonders wenn sie allesamt in die gleiche Richtung drängeln und dieser Prozess andauert, Änderungen der mœurs.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts: beobachten wir eine Zunahme der Regierungseingriffe in die Ökonomie und in den sozialen Bereich. Ursprünglich ging es um die Beseitigung großer Notlagen, der Armut, die mit der Industrialisierung sichtbar und lösbar wurden.
Heute aber übernehmen öffentliche Einrichtungen und die Regierung einen Teil der Gefährdungen, Risiken und Probleme, federn diese zumindest ab und entlasten so die Bürger, die immer weniger selber regeln müssen, besonders wenn es sich um eine bei Wahlen bedeutungsvolle Teilmenge der Bürgerschaft handelt.
Eine Änderung der Einstellungen, der Gewohnheiten und der Handlungen der entlasteten Bürger ist die Folge. Bürgerliches Leben reduziert sich auf Privates und Berufliches. Es entsteht ein „Individualismus“ der das Gemeinsame, das xynon, auf die Übernahme von Risiken und Gefahren durch die öffentlichen Kassen reduziert und sich seinen privaten Wünschen und Zielen widmet. Der „Citoyen“ wird mehr und mehr zum „Bourgeois“.
Der neue Bourgeois aber will gesichert sein oder werden wir früher der Arme, den es zudem heute immer noch gibt.
Mir geht’s hier nicht um die liberale wohlfeil von der Zunge und der Feder gehende Denunziation der Sozialpolitik. Und : Reichtum verpflichtet. Wem es besser geht, der soll auch besonders denen, die vom Schicksal weniger glücklich bedacht wurden, solidarisch helfen. Nur : die Abwälzung nahezu sämtlicher Risiken, Gefahren, ja sogar der Kosten für Banales und Alltägliches verändert unsere Lebensweise viel grundlegender als wir bemerken oder wollen. Sozialpolitik tut noch immer so als handle es sich durchgehend um ein Armutsproblem, wenn einer krank, arbeitslos oder wohnungslos ist oder wird.
Die Instrumente von Sozial-und Wirtschaftspolitik sind bei wachsendem Wohlstand die gleichen geblieben : die reich gewordenen armen Leute wollen bei jedem Anfall einer leichten Bronchitis ärztlich ebenso versorgt werden, wie der schwer an Krebs erkrankte Kassenpatient … Wer seinen Job verliert will erst einmal pausieren und das viele in die sozialen Sicherungssysteme eingezahlte Geld wieder raus holen bevor er ernsthaft nach einer neuen Tätigkeit sucht. Ich rede nicht von den Mini -jobs und ähnlichen Schrecken, die die neu oder erneut Arbeit suchenden erwartet ; aber wo der wohlhabende Arbeitssuchende ebenso behandelt wird wie der verarmende Job-Sucher sind Verantwortung und selbständige Lebensführung Fremdworte geworden. Und der gesetzliche Mieterschutz sichert den Mieter auch wenn die Wohnung inzwischen wegen Wegzuges der Jungen eigentlich zu gross geworden ist.
Ich kenne keine wohlfeile Lösung des Problems; aber wir alle beobachten, die Menschen gehen auch wenn’s nur ein Schnupfen ist zum Arzt mit der Forderung „Mach mich gesund“. Das ist ein Problem ganz jenseits der Kassenhonorare. Der Arzt und die Gesundheitskassen werden zu den Verantwortlichen für die Gesundheit und die Frage, ob man seinen Lebenswandel mit dem Ziel der Erhaltung der Gesundheit ändern solle, wird zur unkeuschen Frage eines Puritaners.
Opportunistische, populistische, plebiszitäre (oder wie auch immer) DEMOKRATISCHE Politiker tendieren dazu Sicherheit, Versorgung und Vorsorge für alle Bürger herzustellen und : ängstliche, unfreie, ihre eigene Zukunft in der Tat nicht planen könnende Bürger, die der Eigenverantwortung zudem auch dort, wo es möglich wäre, schrittweise durch einen unpersönlichen Prozess entwöhnt wurden, bilden die unheilige Allianz der „Daseinsvorsorge-Demokratie“ in die wir hineinwachsen oder schon hineingewachsen sind. Wir sind einer Verwaltungsdespotie ausgeliefert, die milde aber umfassend und undurchschaubar vor allem aber lähmend ist.
Ich weiß hierfür keine Lösung.
Lassen Sie mich mit einem längeren Zitat von Alexis de Tocqueville enden, der dieses Problem schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte.
„Ich will mir vorstellen unter welchen Merkmalen der Despotismus in der neuen Welt auftreten könnte: Ich erblicke einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen […] Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das gesamte Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.
Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen aufs reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sei; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; […]
Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens mit jedem Tag wertloser und seltener; sie beschränkt die Betätigung des Willens auf einen kleinen Raum, und schließlich entzieht sie jedem Bürger sogar die Verfügung über sich selbst. […]
Nachdem der Souverän auf diese Weise den einen nach dem anderen in seine mächtigen Hände genommen und nach seinem Gutdünken zurechtgeknetet hat, breitet er seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes aus; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz verwickelter, äußerst genauer und einheitlicher kleiner Vorschriften, die die ursprünglichsten Geister und kräftigsten Seelen nicht zu durchbrechen vermögen,, um sich über die Menge hinauszuschwingen; er bricht ihren Willen nicht, aber er weicht ihn auf und beugt und lenkt ihn; er zwingt selten zu einem Tun, aber er wendet sich fortwährend dagegen, dass man etwas tue; er zerstört nicht, er hindert, dass etwas entstehe; er tyrannisiert nicht, er hemmt er drückt nieder, er zermürbt, er löscht aus, er stumpft ab, und schließlich bringt er jedes Volk soweit hinunter, dass es nur noch eine Herde ängstlicher und arbeitsamer Tiere bildet, deren Hirte die Regierung ist.“i

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Bücher über Frankreich

November 17, 2009 at 5:49 pm (Frankreich, Rezensionen / Critique)

Gerd Kröncke, Im Schatten der Platanen, Französische Stimmungen, Picus Verlag, Wien, 2001, 131 Seiten
ISBN 3 – 85452 – 747 – 0

Einundzwanzig kurze Geschichten, Skizzen und Kleinberichte über französische Plätze, Personen und Ereignisse legt der französische Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in diesem Bändchen vor. Elf Pariser Geschichten und zehn aus der Provinz. Es ist wichtig, dies zu betonen, denn nicht nur für uns Deutsche ist Frankreich leider oft synonym mit Paris – und das hat nie gestimmt.
Kröncke erzählt von Vichy, jener Stadt, die gegen ihren Namen lebt, hat sie doch der Kollaboration mit den Nazi-Besatzern den Namen gegeben. Er berichtet über die eigenartige Vielvölkerwirklichkeit von Marseille, und er erzählt von Sanary , dem kleinen Fischerhafen am Mittelmeer, der nach 1933 für einige Jahre “zum Zentrum des deutschen Geistes” geworden war. Die Brüder Mann, Lion Feuchtwanger, Hermann Kesten, Ludwig Marcuse und viele andere mehr hatten in Sanary sur Mer Zuflucht vor den Nazi-Verfolgern gefunden. ( Dass sie am Ende von den Repräsentanten der Stadt gebeten wurden, zu gehen, damit der Stadt kein Unbill widerfahre, erzählt Kröncke nicht, die Bürger von Sanary erzählen diesen Teil der Geschichte auch nicht gerne. )
Kurze Skizzen sind es, Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, die von Bordeaux und Nizza, von den Pariser Orten wie dem Pigalle, dem Friedhof Père Lachaise, den Buch-Antiquaren am Seine Ufer oder dem Montmartre berichten. Scheinbar eine Ansammlung von bunten Steinen fügen sich die Artikel und Artikelchen im Kopf des Lesers zusammen. Ein Mosaikbild entsteht von Frankreich und Paris, das mehr von diesem Lande vermittelt als so manches soziologische oder politologische Textbook über unseren westlichen Nachbarn.

Dem Freund der deutsch-französischen Freundschaft ist der Artikel über Colombey-les deux-Eglises ein Juwel. Kröncke versetzt sich unaufdringlich in die Gespräche zwischen de Gaulle und Adenauer, um über den Geburtsort dieser Freundschaft zu berichten.

Dem deutsch-französischen Verhältnis und seiner Vorgeschichte sind fünf weitere Artikel gewidmet ( Bordeaux; R.Wagner; die Titelgeschichte; Sanary; Vichy ) die es verständlich machen, warum das “Herausbitten” der deutschenDichter aus Sanary von Kröncke nicht erwähnt wird. Der Autor ist ein angenehm glühender Anhänger dieser für Europa so wichtigen Beziehung.

Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass Kröncke meint eine sympathische ältere Dame nostalgisch zu verehren während diese tatsächlich eine Verjüngungskur durchlaufen hat – so entgehen ihm manche neuere Eigenarten Mariannes. “Die Baguette plus Käse und Rotwein, auch der Gauloise-Raucher
mit dem Béret haben lange das Klischee des Franzosen bestimmt” schreibt Krönke selbst, aber seine Pariser Plätze sind eben nicht das von Jean Nouvel oder die Bauten die Pompidou und Mittérand in Paris hinterlassen haben sondern die klassischen: Montmartre und Co.
Auch dass Frankreich ein moderner Industriestaat mit der hochentwickeltesten Ernährungsindustrie Europas wenn nicht der Welt ist, bei dem High-Tech, brillante Architektur und Mikroelektronik ebenso zum Alltag gehören, wie ein Bildungssystem, das in seinen besten Teilen uns Deutsche vor Neid erblassen lässt, wird leider in diesem Bändchen dem Leser nicht so richtig klar. Das macht die Artikelsammlung nicht unbrauchbar aber ergänzungsbedürftig. Denn: um ein liebevoll gelebtes Frankreichbild zu gewinnen wird man gerne auf dieses Buch zurückgreifen; über die moderne Technik-freudige Realität Frankreichs wird man sich aus anderen Quellen informieren müssen.

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Pierre Nora (Herausgeber), Erinnerungsorte Frankreichs, Mit einem Vorwort von Etienne François, C.H.Beck Verlag, München, 2005

Die Gegenwart der Geschichte im Selbstverständnis Frankreichs und seiner Symbole.
Das erfolgreiche Unternehmen von Pierre Nora, eine neue Art der Geschichtsschreibung anzuregen.

Die Nationalhymne „La Marseillaise“, die Symbole der Revolution “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, ein Baudenkmal, ein Kriegsschauplatz, Personen aus der Geschichte, ein Sportereignis, ein Romanwerk, die Hauptstadt all dies sind „Erinnerungsorte“ deren Geschichte und deren Wahrnehmung, Präsenz und Interpretation das Bewusstsein der Franzosen, Franzose zu sein prägt. Ein „Erinnerungsort“ ist also meist kein geographischer Platz aber immer ein symbolischer Ort im Bewusstsein oder Gedächtnis der Bürger. Pierre Nora, der Herausgeber des Buches, das hier vorgestellt werden soll, ist Professor für Geschichte an der Eliteuniversität Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, er ist zudem verantwortlicher Direktor der Geistes – und Sozialwissenschaften beim Verlag Gallimard und er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Le Debat, einer führenden wissenschaftlichen Zeitschrift jenseits des Rheines. Diese herausragenden Positionen haben ihm ermöglicht, eine ganze Schule von Historikern für sein ausserordentliches Unternehmen zu gewinnen. Die Erinnerungsorte Frankreichs übersetzen einen kleinen Teil der über 130 Beiträge, die in Frankreich in insgesamt fünf Bänden von 1984 bis 1992 erschienen. Einige der Essays des gigantischen Unternehmens sind dem deutschen Publikum durch den Wagenbach Verlag bekannt gemacht worden. Bis auf einen Beitrag sind die Aufsätze des vorliegenden Buches aber noch nicht in Deutschland publiziert.
Worum handelt es sich bei den „Erinnerungsorten Frankreichs“?
Das Publikationsunternehmen stellt die Realität der französischen Nation als eine im Bewusstsein der Menschen präsente Wirklichkeit dar, die sowohl geographische Erinnerungsorte als auch Baudenkmäler Symbole und Personen umfasst. Lieux de mémoire (Erinnerungsorte) sind Orte, an denen sich die kollektive Erinnerung der Bürger orientiert, und aus der sie ihre Identität begründen. Die Schilderung des Inhaltes des Bandes macht dem Leser seine Besonderheit deutlicher als alle abstrakte Definitionsbemühung:
Der einleitende Beitrage behandelt das Unternehmen selbst (Etienne François). Ihm folgt der Aufsatz von Nora „Wie lässt sich heute eine Geschichte Frankreichs schreiben?“
Danach werden in der Abteilung DIE REPUBLIK die Themen „Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit“(Mona Ozouf), „Die Marseillaise“(Michel Vovelle), „Der Eiffelturm“ (Henry Loyrette) und „Vichy. Die Anti-Republik“ (Philippe Burin) behandelt.
Die Abteilung DIE NATION enthält die Beiträge von Jean Carbonnier (Der Code Civil), Alain Corbin (Paris-Provinz), Pierre Nora (Gaullisten-Kommunisten) und von Antoine Prost (Verdun).
Die dritte Abteilung „LES FRANCE“ (eine sinnvolle Wortschöpfung, weil sie die Pluralität Frankreichs treffend überschreibt) behandelt den Boden (Armand Frémond), den Sitz des Königs/Staatspräsidenten „Der Hof“ (Jacques Revel) , Jeanne d’Arc (Michel Winnock), Descartes (François Azouvi), Die Tour de France (Georges Vigarello), Marcel Proust (Antoine Compagnon), Paris (Maurice Agulhon) und „Das Zeitalter des Gedenkens“ von Pierre Nora, das auch in der französischen Edition eine Art abschliessender Bilanz zieht.
Ein Literaturverzeichnis und Personenregister schliessen zusammen mit den inzwischen leider wie üblich ans Ende verbannten Fussnoten (oh Ihr Verleger, habt doch Erbarmen mit den Lesern!) den Band ab.
Die „Erinnerungsorte“ geben ein vielschichtiges Bild Frankreichs und des französischen Selbstverständnisses. Sie bewegen sich zwischen Geschichte und politischer Wissenschaft, weil sie an der Entstehung und Gegenwart der einzelnen Orte mehr vom Selbstverständnis und der Realität eines Landes – in diesem Falle Frankreichs – erkennbar machen als die üblichen statistischen insbesondere ökonomischen Daten, Verfassungs- und Organisationsbeschreibungen unserer amerikanisierten politischen Wissenschaft. Wenn diese letzteren die Knochen und teilweise die Sehnen des Sozialkörpers wären, dann wären die Erinnerungsorte die Haut und die Muskeln.

Die besondere Qualität des Gesamtunternehmens kann vielleicht an einem der Aufsätze deutlich gemacht werden: Jacques Revel schildert auf den Seiten 310 bis 364 den „Hof“, das heisst das gesellschaftliche und politische Leben um das französische Staatsoberhaupt. Es waren für ausländische Beobachter fast unerklärliche Ereignisse als François Mitterand überraschend Edith Cresson zum Premier Minister machte oder als er ihren Nachfolger Michel Rocard – wie auch sie selbst – ebenso überraschend aus dem Amt ausscheiden liess. Auch die Berufung des amtierenden Regierungschefs Dominique de Villepin, der sich nie einer allgemeinen Wahl in irgend ein Amt der Republik unterzogen hatte, durch Jacques Chirac war erstaunlich. Jener de Villepin hatte immerhin Chirac als sein engster Berater zum wahrscheinlich grössten Fehler seiner Amtszeit bewegt: der Auflösung der Nationalversammlung im Jahre 1997 , die dann zu einer sozialistischen Parlamentsmehrheit geführt hatte. Das Eigenleben im „Elysee“, dem Sitz des Präsidenten der Republik, gehorcht ganz offensichtlich auch und gerade in der fünften Republik den Launen und Vorlieben des Präsidenten so wie es in der Geschichte den Launen des souveränen Königs gehorchte. Der „Hof“ ist ein Gesamtkunstwerk, bei dem fast alles dem Willen und der Verherrlichung der Spitze der Hierarchie gehorcht. „Auch wenn sich alles um diesen Hof herum verändert haben mag, erklärt Revel, so ähneln doch in mehr als einem Fall die Verhaltensweisen derer, die wir gewählt haben, damit sie uns regieren, denen unserer letzten absoluten Herrscher.“ Unter Ludwig XIV hat diese Konzentration des gesellschaftlichen und politischen Lebens einen ganz Europa beeindruckenden und beeinflussenden Höhepunkt erreicht. Alle Höflinge bemühen sich um die Gunst des Königs, buhlen um seine Anerkennung und machen ihn zum Zentrum des Landes. Die Verhaltensformen, die Kontrolle der Leidenschaften, die Art zu regieren, die Wege in Erscheinung zu treten, die gesamte Lebensweise der gesellschaftlich führenden Schicht – des Adels – alles kreist um den Herrscher. Die Informationen, welche die gewöhnlichen Sterblichen erreichen, sind eigentlich nur für den „Hof“ interessant; dort aber tragen sie zur Glorie des Fürsten bei. Dabei spielte es schon unter Ludwig XIV keine Rolle, ob sie der Wahrheit entsprachen. Kleine und grosse Intrigen, Bemerkungen über einen Konkurrenten um Macht und Ansehen, überraschende Auftritte des Fürsten, all dies wurde im grossen Spiel der Verherrlichung des zentralen Machtinhabers wichtig. Auch wenn es sich um Belanglosigkeiten handelte. Auch dieses Spiel kennt das republikanische Frankreich. Die gewiss nicht unter dem Verdacht royalistischer Gesinnung stehende sehr politische Zeitschrift „Le Canard enchainé“ berichtet jede Woche auf der gesamten zweiten Seite über derartige Bemerkungen, teils aus dem Elysee, teils aus dem weiteren Kreis der politischen Elite. Dort lesen die interessierten Bürger wer über den Premier-Minister welche Bemerkung gemacht hat oder welche Aussagen der wegen ungeduldigen Ehrgeizes in Ungnade gefallene Dauphin Sarkosy durch seine „Umgebung“ bekannt macht.
Alle Beiträge des Buches machen die Eigenarten des politischen und gesellschaftlichen Lebens Frankreichs in einer Weise aus der Geschichte verständlich, die den interessierten Leser fasziniert. Wer sich nicht am vorurteilsbeladenen Stereotypenhandel über unseren Nachbarn im Westen beteiligen will, muss dieses Buch ebenso lesen, wie es die Legationsräte des Auswärtigen Amtes als Pflichtlektüre verordnet bekommen müssten. Begeisterte werden sich (so sie des Französischen kundig sind) die inzwischen in drei Folio-Bänden erschienene Gesamtausgabe besorgen.

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Heiko Engelkes, König Jacques, Aufbau-Verlag Berlin, 2005, 400 Seiten

Der langjährige Leiter des ARD-Fernsehstudios in Paris, Heiko Engelkes, schreibt ein Buch über den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac. In 22 teilweise stark von seinen persönlichen Erfahrungen gefärbten Kapiteln schildert der Fernsehjournalist Stationen, Personen und Probleme aus der Karriere jenes Mannes, der mindestens seit 1974 zu den Spitzenpolitikern der fünften Republik gehört. Die Bedeutung der politisch aktiven Ehefrau des heutigen Präsidenten, Bernadette Chodron de Courcel, wird ebenso in einem Kapitel gewürdigt wie die Geschichte des Pariser Sitzes des Staatspräsidenten, der Elysee-Palast. In mehreren Kapiteln werden verschiedene Episoden aus der deutsch-französischen Freundschaft seit de Gaulle und Adenauer erzählt und die mit Jacques Chirac zusammenarbeitenden oder mit ihm um die Macht streitenden Politiker Juppé, Sarkozy und Jospin sind jeweils in einem oder zwei Kapiteln behandelt. Chiracs unmissverständliche Haltung gegen jede Form von Antisemitismus, die seine kritische Haltung gegenüber der Palästina-Politik Israels ergänzt, füllt ebenso ein Kapitel wie die gaullistische Tradition, die Irak-Krise, die britisch-französischen Beziehungen und die legalen und illegalen Formen der Korruption des .
Das Kapitel über die Vorgeschichte und den Ablauf des Konflikts der von Chirac geführten Republik Frankreich mit den Vereinigten Staaten von Amerika wegen der im Irak gehört ebenso zu den Glanzlichtern dieses Buches wie Heiko Engelkes Schilderung der französisch – britischen Hassliebe. Insgesamt erfährt der Leser relativ viel über Chiracs Aussenpolitik, auch wenn die mangelhafte Vorbereitung der Konferenz von Nizza durch die gastgebende französische Diplomatie vom Autor diplomatisch oder unanalytisch verschwiegen werden. ( Es war immerhin in Nizza unter französischer Federführung, als versäumt wurde, die europäische Union in Vorbereitung auf die Aufnahme der neuen Mitglieder sinnvoll umzubauen. Jetzt quält sich ganz Europa durch die Ratifizierungsdebatten der verspäteten Europa-Verfassung.) Insgesamt beschäftigt sich das Buch viel mit der Aussenpolitik des französischen Staatspräsidenten, von den innenpolitischen Halbheiten Chiracs ist nur am Rande die Rede. Frankreich hat ja tatsächlich ähnliche Probleme wie die Bundesrepublik. Seine sozialen Sicherungssysteme, sein Haushalt und seine Wirtschaftsdynamik weisen grosse Defizite auf. Es ist erstaunlich, dass der deutsche Sozialdemokrat Schröder die notwendigen Reformen mutiger auch zuungunsten seiner engsten Wählerklientel durchsetzt als der konservative Gaullist Chirac in Frankreich. Darüber findet der Leser bei dem doch sehr an der Oberfläche bleibenden Buch von Engelkes nichts. Die gesamte Innenpolitik unter dem Präsidenten Chirac reduziert sich in dieser Schilderung auf Wahlkämpfe, Machtkämpfe und ein Kapitel über die Gleichberechtigung, in dem Chirac nur am Rande vorkommt. Statt dessen erliegt der Autor einer bei uns in Frankreich leider beliebten Schwachheit: Er berichtet über Belangloses, was aber bei den Untertanen und am , im Kreis der Mächtigen, Gegenstand witziger Aperçus sein kann. So beschreibt Engelkes, welche Socken der ehemalige Premierminister Balladur trägt; welche amourösen Abenteuer der Student Chirac in den USA erlebte, wie die Kleidertracht der Helfer in Jospins Wahlkampfteam aussah, dass Frau Sarkozy „ungeschminkt älter als auf den Hochglanzphotos“ wirkt oder gar, dass bei einem Empfang für Chirac in Berlin Frau Barbara Becker noch nichts von der ihr bevorstehenden Trennung vom Tennishelden Boris gewusst zu haben scheint. Es ist wahr, dass diese Art von Hofberichterstattung über die Hintertreppe ein Charakteristikum von Monarchien ist, die über die ernsten Probleme der Gesellschaft keine republikanisch gebotene Debatte führen. Vielleicht empfindet Engelkes Frankreich als eine derartige Monarchie, der Buchtitel „König Jacques“ lässt es ebenso vermuten, wie die falsche Aussage im Kapitel „Ohne de Gaulle kein Chirac“ nach der in den 1000 Jahren vor der Revolution in Frankreich „die Könige als ohne Verfassung regierten“. Wenn der Autor aber vermutet, Frankreich sei oder werde eine Wahlmonarchie, sollte er dies analysieren und nicht durch seine Art zu schreiben klammheimlich bestätigen.

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Alfred Grosser, Wie anders ist Frankreich, München, Beck-Verlag, 2005, 240 Seiten,
€ 19.90

Im Jahre 2002 veröffentliche Alfred Grosser sein Buch „Wie anders sind die Deutschen?“ in dem er uns Deutsche fast zu freundschaftlich-liebenswert schildert. Er wollte und will besonders seinen französischen Landsleuten ein Deutschland schildern, das diesen ein Zusammenleben möglich und erstrebenswert macht. Nun erscheint das entsprechende Buch über Frankreich.
In fünf Kapiteln beschreibt Grosser das besondere Verhältnis der Franzosen zu ihrer Nationalgeschichte und ( Kap.zwei ) die politische Verfassung der französischen Nation sowie ihre wesentlichen Institutionen und Organisationen. Das dritte Kapitel des Buches
( Gesellschaft in der Wirtschaftskrise ) gibt einige wesentliche Informationen über die Wirtschaftsentwicklung Frankreichs sowie über das was man neuerdings die nennt. Im anschliessenden Kapitel “ Welche Kultur für wen?“ beschreibt Grosser die Besonderheiten des stark auf Paris konzentrierten aber sich dezentralisierenden französischen Kulturlebens ebenso, wie die Schul- und Universitätspolitik; während das abschliessende Kapitel die französischen Aussenbeziehungen, besonders das Verhältnis zu Deutschland und das französische Handeln in Europa beschreibt.
Ich bilde mir ein, ein passabler Kenner der französischen Innenpolitik zu sein. So befürchtete ich, mich bei der Lektüre von Grossers neuestem Buch zu langweilen. Ich wurde angenehm enttäuscht. Die lebendige Art, die französischen Besonderheiten zu schildern, die Grosser eignet; seine Methode, Geschichtliches heranzuziehen, wenn er etwa die Schwäche der französischen Gewerkschaften, begründet oder wenn er die Ausweitung der Macht des französischen Präsidenten in der Praxis und gegen den Verfassungstext ist mitreissend.
Der Rezensent gesteht, dass er das Buch in einem Zug gelesen hat; mit wachsendem Vergnügen und zunehmender Befriedigung.
Es wird einem bei diesem das geschichtliche und alltägliche Geschehen heranziehenden Buch klar, welche Verarmung die sich modern nennende von heute darstellt. Grosser verfällt an keiner Stelle in diese langweilige Interpretationslitanei amerikanischer Provenienz. Und doch ist das Buch gespickt mit Fakten und guten Informationen. Dies ist ein Buch über Frankreich, geschrieben für die Deutschen; es vergleicht, wo es für den Deutschen Leser hilfreich ist zum Verstehen Frankreichs und manchmal auch um gewisse moralische Vorurteile zu relativieren. Daneben und dabei werden auch kleine Spitzen verteilt, die von grosser politischer Erfahrung und einem ebenso grossen Engagement zeugen. Beispiel : über die Einwohnerstatistik schreibt Grosser: „Sicher ist, dass les clandestins, die illegal Eingereisten und schwarz Arbeitenden nicht dazugehören. Die Heuchelei ist dabei dieselbe wie in Deutschland. Wer würde die Weinlese im Languedoc oder im Elsass besorgen, wenn es nicht die Schwarzarbeit von Ausländern gäbe, die unterbezahlt werden können? Es ist ähnlich wie mit den politischen Illegalen in Deutschland: Wären die Grenzen offiziell offen, so müsste man die Zehntausende korrekt entlohnen und sie darüber hinaus sozialversichern.“( S.107f.)
Ob Grosser über die Feinheiten des französischen Pressewesens berichtet oder ob er ( und dies ist unübersehbar sein mit dem meisten Herzblut geschriebener Gegenstand ) das facettenreiche Zusammenwachsen Frankreichs und Deutschlands beschreibt, das Buch informiert blendend. Die Partikularitäten des französischen Bildungssystems werden ebenso einleuchtend dargestellt wie die Reserven Frankreichs gegenüber einer möglichen amerikanischen Hegemonie, die ja in Deutschland erst nach langem Blindsein einen aussenpolitischen Partner gefunden haben. Auch zur europäischen Einigung hat Grosser durchaus kritische Bemerkungen beizutragen, und dies nicht nur wenn er die verpasste Chance beschreibt, die darin besteht, dass man den ursprünglichen Vorsatz beiseite schob, zuerst zu vertiefen und dann zu erweitern. Zur Aufnahme Polens ins sich einigende Europa schreibt der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels: „Die deutsch-polnischen Beziehungen, die sich ständig verbessert hatten, sind 2004 von nicht öffentlicher Seite erneut vergiftet worden. Das von Erika Steinbach und Peter Glotz ins Leben gerufene Zentrum gegen Vertreibungen, das das polnische Leiden gewissermassen mit einem abtat, sowie die Forderung nach Entschädigung und Rückerstattung haben viel Porzellan zerschlagen. Auf französischer Seite war es der Präsident selbst, der Polen eine tiefe Kränkung zufügte, als er im Februar 2003 die Beitrittskandidaten, die sich in der Irak-Krise auf die Seite der USA und Grossbritanniens gestellt hatten, als und bezeichnet hat.“( S.233)
So mischt das Buch in anregender Weise politische Kommentare und Informationen über den westlichen Nachbarn Deutschlands. Es redet über den weiterhin wichtigsten Bestandteil der europäischen Einigung, die deutsch französische Freundschaft, und es trägt – weil es das Verständnis vertiefen will und dies auch erfolgreich tut – zu seinem Haupt-Gegenstand bei: den guten Beziehungen zwischen den Deutschen und den Franzosen.

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Pierre Bourdieu, Der Staatsadel, UVK Verlag Konstanz 2004,
473 Seiten, 39, SBN 3-89669-807-9

Dieses Buch, ein Klassiker der Analyse eines Bildungssystems, ist mehr als eine schlichte Untersuchung des des französischen Bildungssystems. Bourdieu, einer der führenden Köpfe der Linken in Frankreich, untersucht Rekrutierungsverfahren, soziale Auswirkungen und gesamtgesellschaftliche Bedeutung der der Französischen Republik. Diese französischen Elitehochschulen sind, in ihrer Unübersehbarkeit jedenfalls, eine Besonderheit unserer französischen Nachbarn. Über den Universitäten, die vom Massenbetrieb geprägt sind, angesiedelt, bilden die Ecole Nationale d’Administration (ENA), die Ecole Nationale Superieure (ENS), das Institut d’Etudes Politiques in Paris (IEP) und eine Reihe weiterer Einrichtungen die Führungskräfte der französischen Gesellschaft für Politik und Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft aus.

Bourdieus Untersuchung der Arbeit und Wirkung dieser Spitzen des französischen Ausbildungswesens wertet Material von etwa 20 Jahren aus: Prüfungsprotokolle; Befragungen von Kandidaten für die Aufnahme, die spezielle bis zu zwei Jahre dauernde Vorbereitungskurse ( „préparatoires“) besucht haben; Studenteninterviews und vieles andere offizielles und inoffizielles aus den Ausbildungseinrichtungen. Des Autors Hauptthese: die Elitehochschulen Frankreichs, insbesondere die ENA und eine der Ecole Normales Superieures, (die in der rue d’Ulm in Paris ihren Sitz hat,) aber auch einige weitere, sind das Instrument der herrschenden Gesellschaftsschicht, ihre Herrschaftspositionen zu festigen und zu legitimieren. Sie sind aber auch das Mittel um die Weitergabe der Macht an die nachwachsenden Generationen dieser Schicht zu sichern und zu legitimieren. Wie schon der Titel des Buches behauptet handelt es sich bei den Elitehochschulen um Ausbildungsstätten des neuen Staatsadels. Die Diplome dieser Spitzenhochschulen sind in der Tat relativ sichere Garantien für ein erfolgreiches Berufsleben und grosse Karrieren, sie basieren allerdings nicht auf Geburt sondern auf erworbenen Qualifikationen. Man muss wissen, dass der Zugang zu den Elitehochschulen das eigentliche Nadelöhr zur grossen Karriere darstellt. Und so sind die Vorbereitungskurse („prépa“) beziehungsweise die für die Eingangsprüfungen geforderten Kenntnisse das eigentliche Schmiermittel für die Karriere. Was bei den Eingangsprüfungen gefordert wird, deckt sich weitgehend mit dem was Bourdieu nennt. Historische, ästhetische und geistige Kenntnisse und bestimmte Verhaltenstugenden wie beispielsweise Ausdauer und Fleiss. Diese zeichnen die herrschende Schicht Frankreichs aus, sie werden an die nachwachsende Generation zuerst einmal schon in den Familien weitergegeben.

Bourdieus Untersuchung zeigt nun, dass eine begrenzte Anzahl besonders guter Gymnasien die der künftigen Studenten der Elitehochschulen sind. Diese wiederum liegen in bestimmten Vierteln von Paris und Gegenden der Provinz, die sie zu Gymnasien für die amtierende Elite machen. Die geforderten Kenntnisse und Tugenden sind die der herrschenden Elite, die ihre Nachkommen beim Erfüllen der Forderung nach diesen Kenntnissen und Tugenden bei den Eingangsprüfungen sicher bevorzugt weiss. Insofern ist die These vom neuen Adel Frankreichs richtig. Was den neuen Adel allerdings vom vorrevolutionären unterscheidet: nicht die Geburt ist das entscheidende Auswahlkriterium sondern eben Kenntnisse und Tugenden. Darum ist auch die neue Aristokratie offener als die alte; es gibt Aufsteiger in die neue Elite und die Tatsache, Sprössling einer der dominierenden Familien zu sein alleine genügt nicht. Die neue Elite ist also keine geschlossene Gesellschaft.

Bourdieus grosse Studie, die leider in einem grässliche Soziologenlatein geschrieben ist, das auch die Übersetzung nicht umgehen kann, entpuppt sich so als eine brillante gesellschaftswissenschaftliche Arbeit, die aber den Fehler hat, dass sie wenig Gewicht auf die Frage legt, ob die so ausgebildete und ausgewählte Führungsschicht nicht eine Funktionselite ist, die den politischen, ökonomischen und sozialen Aufgaben und Problemen der französischen Gesellschaft angemessen ist. Die gesamte Kritik dieses Ausbildungssystems unausgesprochen auf die in der Tat fehlende Chancengleichheit zu konzentrieren lässt den Leser doch etwas unbefriedigt. Das heisst nicht, dass Bourdieus Untersuchung nicht eine spannende anregende wenn auch anstrengende Lektüre darstellt.

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Michel Winock, Das Jahrhundert der Intellektuellen, UVK Verlag, Konstanz, 2003, 885 Seiten,
Dieses Buch ist ausserordentlich gut. In 62 kleinen Kapiteln, einem Epilog und einem Anhang gibt es und Einblick in die politische Seele des intellektuellen Frankreich seit dem Ende des 19. Jahrhundert. Die Rebellion einer kleinen aufrechten Minderheit, die gegen das Fehlurteil eines französischen Militärgerichts, das einen Hauptmann namens Alfred Dreyfus wegen Verrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt hatte, steht am Anfang einer aufregenden Entwicklung. Diese Minderheit meist junger Franzosen, die dem jüdischen Hauptmann ihre Unterstützung geben, und die zuletzt seinen Freispruch und seine Rehabilitierung durchsetzen, stellt für den Historiker Michel Winock die Initialzündung zu jenem Zeitalter der Intellektuellen dar, über die er dieses Buch schreibt. Nichts als der Wahrheit verpflichtet kämpfen die Männer der schreibenden Zunft angeführt von Emile Zolas Kampfschrift „J’accuse“ ( ich klage an ) erfolgreich um das Recht und gegen eine imaginäre Staatsraison.
Die „Dreyfusards“ haben eine Tradition ins Leben gerufen, die in Europa, besonders aber in Frankreich, bis auf den heutigen Tag nachwirkt: die Tradition der politisch engagierten Intellektuellen.

Drei grosse Teile gliedern das Buch. „Die Ära Barrès“ behandelt die Zeit bis zum ersten Weltkrieg; „Die Ära Gide“ führt den Leser in die Zeit des Nazismus, des Aufstiegs des Kommunismus, des Vichy-Regimes und des Widerstandes bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Der Teil „Die Ära Sartre“ handelt von der Geschichte nach dem Horror des Nationalsozialismus, der schrittweisen Erkenntnis des Charakters des Kommunismus durch die auf ihn hineingefallenen Intellektuellen sowie über die Kämpfe der Entkolonialisierung .

Das Buch erzählt die Geschichte Frankreichs; nicht die Regierungen, Verträge, Wahlen und Bündnisse allerdings sind Gegenstand des Berichtes; sondern die Debatten und Diskussionen, die Feindseligkeiten und Freundseligkeiten jener Schicht von Schriftsteller-Journalisten über die Politik ihrer Republik, die das geistige Klima Frankreichs während über einem Jahrhundert so nachhaltig und wirkungsvoll prägen, wie das in keinem anderen Lande Europas der Fall ist.

Wer das moderne Frankreich kennen lernen will, kommt an diesem einzigartigen Buch nicht vorbei. Die gewählte literarische Form der kurzen Kapitel und Geschichten, der reichlichen Zitate und der distanziert-engagiert teilnehmenden Berichterstattung erweist sich als genialer Kunstgriff. Die Entstehung eines Lagers, dem bald entgegentritt um den Kampf um die Führung in Frankreich aufzunehmen, wird in einer Unzahl kleiner episodenhafter Artikel aufgezeigt. Barrès, Peguy, du Gard, Zola, A. France und viele andere, die am Beginn der Entwicklung eine Rolle spielen, werden so ebenso lebendig vorgestellt, wie Gide, Jaurès, Aragon, Drieu La Rochelle, Malraux und Rolland. Die oft vom allgegenwärtigen Verleger Gallimard gestifteten Bündnisse und Zeitschriften, die natürlich auch eine ganze Reihe unsinniger Ziele verfolgen, werden mit Zitaten, Kurzberichten und Kleinanalysen dem Leser nahegebracht. Ein Glanzlicht an Kurzbericht ist die Darstellung des Inhalts, der Wirkung und der Bedeutung des Buches von Simone de Beauvoir. Eine grosse Zahl der von Beauvoir vorgetragenen Thesen, sind heute Allgemeingut; ihre damals revolutionäre Radikalität wird von Winock ins Gedächtnis gerufen.

Bei seinen Analysen und Darstellungen verbirgt Michel Winock nie seine eigene Sicht der Dinge; seine Kritik ist aber weder überheblich noch rechthaberisch. Selbst die von ihm nicht gerade geliebten Nationalisten der werden in ihren Problemen und Leiden nicht feindselig sondern erklärend gezeichnet. Winock macht deutlich, wie wenig sich die Linke der Naivität ihres Pazifismus gegenüber Nazi – Deutschland bewusst ist, und er zeigt die gleiche langanhaltende Naivität gegenüber den Verbrechen des kommunistischen Totalitarismus. Viele wollen lange nicht sehen, wer da um ihre Seelen wirbt. Der lange mühsame Kampf, den Raymond Aron führt, um seine Freunde und die Franzosen insgesamt zur Einsicht in die Gewalttätigkeit der kommunistischen Herrschaft zu drängen, wird im Buch nachvollziehbar. Das Opium der Intellektuellen, die meinen, der Geschichte dienen zu müssen und nicht mehr – wie in der Dreyfus-Affaire – der Wahrheit, ist ein Gift, das ja in der Tat nicht nur in Frankreich seine Verbraucher fand.

Der Widerstand gegen das Vichy-Regime und die deutsche Okkupation, der verschiedenste Formen und Grade unter den Intellektuellen zeigt, hat nach der Befreiung fest zusammengeschweisst. ist zuerst einmal verschwunden. Sie ist durch Kollaboration diskreditiert oder verzweifelt. Sie tritt erst wieder auf, als die Entkolonialisierung Frankreich Algeriens wegen an den Rand des Bürgerkriegs bringt. Hier spielt eine langsam entstandene neue Gruppierung, der Linkskatholizismus, eine wichtige Rolle. Michel Winock zeigt wie deren wichtigster Kopf, Mauriac, unerschütterlich in seinem Vertrauen zu deGaulle dessen Politik unterstützt, die ja auch die aktive Hilfe von Malraux, dem einstigen Kampfgefährten Sartres und Aragons, erfährt. Camus, der sich wie andere nach ihm wegen dessen unklarer Haltung zum Linksradikalismus früh von Sartre getrennt hat, schweigt bis zu seinem Tode über das Algerienproblem. Er sieht keine Chance mehr für den redenden und denkenden Intellektuellen wo die Gewalt die Szene beherrscht.

Judith Klein hat das Buch, das für den deutschen Leser ein vergnügliches und spannendes Mittel ist, Frankreich zu verstehen, liebevoll übersetzt. Eine Reihe von Übersetzerfussnoten erklären so ur-französische Einrichtungen wie die „Ecole Nationale d’Administration“ oder die „Ecole Normale Superieure“; politische Schlüsselbegriffe wie „Versaillais“ ( es handelt sich um die Gegner der Commune von 1871) oder „Chambre untrouvable“ ( von einer zu grossen Mehrheit beherrschtes Parlament, das darum nicht debattiert ) und vieles andere, was den Interessierten hilft, den Sinn des Textes zu verstehen.
Dem Universitäts-Verlag-Konstanz ist ein Paukenschlag in der Verlagsszene gelungen.

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Rikklin: Machtteilung

November 17, 2009 at 5:45 pm (Politische Philosophie, Rezensionen / Critique)

Machtteilung als Grundprinzip der Republik

Von Michael Hereth

Der Schweizer Politologe Alois Rikklin hat mit dem vorliegenden Buch eine neue Form der Darstellung jener Disziplin eingeführt, die unglücklicherweise meist „Geschichte der politischen Ideen“ genannt wird. Ideen aber haben halt keine Geschichte. Erfindungen und ihre Wirkungen und Weiterentwicklungen schon. Und die Erfindungen, die zu einer Verteilung der Macht durch die Verfassung führten sind Gegenstand dieses Buches. Rikklin untersucht nicht beliebige Denker der Politik in der Reihenfolge, in der sie gelebt und gewirkt haben, seine Besonderheit: Er ist dem republikanischen Denken auf der Spur, und so untersucht er die „Geschichte der Mischverfassung“. Das Buch behandelt die Machtteilung, und der Autor beschränkt sich nicht auf die Darstellung der Denker, die die verschiedenen Formen und Techniken der Kompetenzverteilung und Machtkontrolle durchdacht und ausgedacht haben; der emeritierte Schweizer Politikwissenschaftler behandelt die Denker durchgehend im Zusammenhang mit der wirklich bestehenden Verfassungsordnung über die sie reden. Auch wenn der Leser manchmal die Zuordnung nicht völlig evident finden muss, das Unternehmen hat einen guten Sinn.
So lauten denn die einzelnen Kapitel beispielsweise für die Antike „Platon und Sparta“, „Aristoteles und Athen“ oder „Polybios, Cicero und die Römische Republik“. In einem Zweiten Teil wird die „Renaissance der Mischverfassung“ beschrieben, und wir begegnen hier schon den ersten überraschenden Denkern – von denen wir, so wir nicht Spezialisten sind, bislang eher wenig gehört haben -. Nach einem Kapitel über den Versuch des Thomas von Aquin unter Berufung auf das alte Israel den Gedanken der Mischverfassung zu beleben finden wir Kapitel über „Contarini und Venedig“ sowie über „Giannotti und Florenz“. Der im dritten Teil geschilderte „Siegeszug der Mischverfassung“ konfrontiert uns dann mit den Überlegungen der Denker Arinsaeus und Limnaeus jeweils zum Römisch–Deutschen Reich, den Verfassungsreflexionen Harringtons zu England sowie mit den Kapiteln „Burlamqui und Genf“, „Montesquieu und England“, „John Adams und die USA“, sowie mit dem Kapitel „Sieyes und Frankreich“. In einem Vierten Teil („Nachruf oder Wiederbelebung“) räumt Rikklin die doch etwas verbaldogmatisch anmutenden Trennungen zwischen Mischverfassung und Gewaltenteilung ebenso auf, als er die wesentlichen Gegner der Mischverfassung Bodin, Filmer, Hobbes, Rousseau, Paine, und (seltsamerweise) Madison mit ihren Verfassungsreflexionen vorstellt. Ein achtzehntes Kapitel behandelt aktuelle Probleme der Mischverfassung, die ja leider – und dies beschreibt auch Rikklin an mehreren Stellen seines Buches – unter den Pseudonymen „Verfassungsstaat“, „repräsentative Demokratie“ oder einfach „Demokratischer Verfassungsstaat“ ihre wahre Natur nicht im Namen vorzeigt.
Das Buch unterstreicht die Notwendigkeit, die Ethik der Menschen und Bürger durch institutionelle Kontroll- Mitwirkungs- und Machtverteilungsregelungen zu unterstützen. Die institutionalistische Ethik gründe auf der Qualität von Institutionen.
Natürlich hat die Machtteilung und haben die Mischverfassungen eine Geschichte. Stände, Geburtsadel, Erobererprivilegien und von Gott eingesetzte Herrscher ( was immer das in Wirklichkeit bedeutet) waren über den längsten Zeitraum unserer Geschichte soziale und politische Machtzentren, die an der Machtausübung kontrollierend, mitwirkend und bremsend beteiligt waren. Die Macht war in den politischen Ordnungen verteilt und geteilt. Die Mischung aber auf die Teilnahme der Stände und des Adels zu reduzieren lehnt Rikklin zu recht ab. Auch heute haben wir Mischverfassungen, die oligarchische, monarchische und demokratische Elemente verbinden. “Die Beschränkung der Mischverfassung auf die geburtsständische Variante, die mit der amerikanischen Revolution einsetzte und bis heute anhält, ist willkürlich und unhistorisch.“ Und, so erklärt uns Rikklin scharfsinnig, wir können also auch von den Regelungen und Strukturen, der ständischen oder von Aristokratien bestimmten Verfassungen lernen. Seine Hinweise und Hervorhebungen machen die Bedeutung der Mischverfassungen und ihrer Durchleuchtung für die praktische Verfassungspolitik etwa in Europa unübersehbar. So schreibt er beispielsweise über den im 17.Jahrhundert wirkenden Althusius, sein „kybernetisches Modell des Föderalismus“ sei „viel gehaltvoller als die Verkürzung, Verengung, Erstarrung und Kanonisierung des zweistöckigen Bundesstaates….. Es könnte auch für die undogmatische Weiterentwicklung der Europäischen Union nach Maastricht fruchtbar gemacht werden.“ Dass sich der Autor in seinen Untersuchungen nicht auf einen jener gelehrten Schreibstubendenker reduzieren lässt, die kenntnisreich aber unaktuell Niederschriften produzieren, wird an seiner Schilderung der Florentiner Auseinandersetzungen um republikanische Symbole in den aller Welt bekannten Denkmälern dieser Stadt sichtbar. Er zeigt den vergeblichen Kampf der Republikaner gegen die Medici, die die Stadt mit ihren anti-republikanischen Symbolen durchdringen wollen. Rikklin endet: „Der Europarat, der gemäss seiner Satzung auf die Demokratie verpflichtet ist, war schlecht beraten, als er unlängst die grosse Ausstellung in Florenz den Medici widmete – als ob die Florentiner Republikaner Banausen gewesen wären.“ Die Verteidigung der Symbole der Republik gegen die protzigen Monokraten hat nie ein Ende; Rikklins bezauberndes und differenziertes Buch ergreift Partei für die machtverteilende Republik.
Der Band ist, wie bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft üblich, liebevoll ediert, die 456 Seiten umfassen auch einen ergiebigen Quellenanhang, der die Quellenangaben an den Enden der Kapitel ergänzt, sowie ein hilfreiches Personenregister.

Alois Rikklin, Machtteilung – Geschichte der Mischverfassung, Darmstadt, 2006
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Drei Bücher über Tocqueville

November 17, 2009 at 5:43 pm (Uncategorized)

Hugh Brogan, Alexis de Tocqueville, Prophet of Democracy in the Age of Revolution, 724 Seiten, Profile Books, London, 2006. 
Harald Bluhm ( Hrsg.), Alexis de Tocqueville, kleine politische Schriften, Schriften zur europäischen Ideengeschichte, Akademie Verlag, Berlin 2006, 223 Seiten.
Laurence Guellec, Tocqueville et les langages de la démocratie , 444 Seiten, Honoré Champion, Paris, 2004, Collection Romantisme et Modernité 81. 
#Der wahrscheinlich grösste Liberale des 19.Jahrhunderts , Alexis de Tocqueville, hat – nach der bedeutenden Biographie André Jardins – einen neuen Biographen gefunden.  Hugh Brogans Biographie de Tocquevilles ist gefüllt mit Leben; sie erzählt, diskutiert und kritisiert das Leben und das Werk des Hauptdenkers des politischen Liberalismus, von dem ja im deutschen Sprachraum und in der deutschen Gelehrtenwelt wenig die Rede ist. Das Vergnügen, Brogans Biographie über Alexis de Tocqueville zu lesen, wird auch genährt von der Respektlosigkeit mit der der Brite, Professor für amerikanische Geschichte in Essex, die manchmal peinlichen Angepasstheiten Tocquevilles beschreibt. In der Tat hat der grosse Analytiker sowohl der neugegründeten amerikanischen Union als auch der französischen Revolution in manchen Fragen nicht jene klarsichtige Distanz gezeigt, die ansonsten den Grossteil seiner beiden Hauptwerke “Über die Demokratie in Amerika” und “Das Ancien Regime und die Revolution” zu Glanzlichtern politischen Denkens im 19.Jahrhundert machen. Tocqueville vermag zur sozialen Frage nur scheinwissenschaftlich formulierte Vorurteile der wohlhabenden Klassen beizutragen, seine Vorstellungen zu einem effizienten Strafvollzug geben die Vorurteile seiner Zeit und Klasse wieder  und die schlimmen Verbrechen, die bei der französischen Eroberung Algeriens begangen werden, sind für ihn die unvermeidlichen Folgen des von ihm überhaupt nicht in Frage gestellten Kolonialismus und Imperialismus Europas. Was Brogan hier respektlos kritisch und erfreulich klar zu Tocquevilles Angepasstheiten zusammenträgt macht seine Beschreibungen und Lobpreisungen der grossen Würfe in den Büchern über Amerika und über die Revolution glaubhafter.                                                                                                                            *Der französische Liberale hat einleuchtend die Kontinuität französischer Sitten, Gewohnheiten und Denkgewohnheiten (moeurs) über die französische Revolution zurück analysiert und beschrieben.                                                                                                      *Er hat als erster die Stabilität, Reaktionsfähigkeit und Freiheitlichkeit der neuen demokratischen Ordnung am Beispiel Amerikas untersucht.                                                  *Er hat gesehen, dass und wie die neue Ordnung der Demokratie auch eine neue Lebensweise ist.                                                                                                                                           Seine Analysen von Demokratie und Revolution haben das scheinbar so wissenschaftliche Schreiben Marxens und seiner Nachbeter überlebt; und nach der Lektüre von Brogans Biographie wird einem ein wenig klarer woher diese Durchsicht Tocquevilles kommt: Für die Formulierung seiner wesentlichen Gedanken kam ihn zustatten, dass er zeitweise und bereichsweise eben nicht in die Zeit und in die Gesellschaft eingebettet war, über die er so viel zu berichten hatte und deren Verheissungen er so vorsichtig, unparteiisch und kühl schildert.  Er war ein Edelmann, der eine geordnete Demokratie wünschte aber der von bestimmten bürgerlichen Verhaltensmustern der Gewinnsucht, des ökonomischen Kalküls und der Ich-Bezogenheit degoutiert war.   Brogan hilft uns dies zu verstehen.
# Der von Bluhm herausgegebene Dokumentenband, der für deutsches Publikum geschrieben ist, geht einen bescheideneren Weg. In der Einleitung: eine klare, knappe und erhellende Darstellung der Grundgedanken der Schriften des französischen Adeligen Alexis de Tocqueville, der schon früh zu einem kritisch-gemässigten Befürworter demokratischer Ordnung geworden war. Für den Spross einer sehr alten französischen Aristokratenfamilie  im revolutionsgeschundenen Frankreich war und ist dies eine gar nicht so selbstverständliche Haltung. Tocqueville bewundert die stabilisierende Wirkung der von ihm in den jungen USA studierten demokratischen Verhältnisse und preist diese in seinem Erstlingswerk und Bestseller „Über die Demokratie in Amerika“ als Vorbild.
Mehrere in deutscher Sprache bislang unzugängliche Reden des Académiens und des Abgeordneten de Tocqueville wurden übersetzt. Die Schrift über den Pauperismus ebenso wie die Gedanken über Algerien, die Rede vom 27. Januar 1848 vor der Deputiertenkammer, die Rede gegen ein Recht auf Arbeit (September 1848) und der Bericht der Antragskommission zur Verfassungsänderung (1851) machen  deutlich, wie wenig der Abgeordnete Tocqueville als Politiker jene Distanz zu den dominierenden Alltagsströmungen hatte, die seine beiden Hauptwerke auszeichnen. Die Einleitung Bluhms behandelt diese sehr weitgehende „Eingebettetheit“ Tocquevilles in die in seiner Klasse herrschenden Vorurteile reichlich unkritisch. Die von Fehlern strotzende Übersetzung macht das Buch zudem für den Kritiker nicht zu einem Rezensionsvergnügen. Wenige Beispiele aus den ersten Seiten der Übersetzung: dass die praktische Staatskunst „die flüchtigen Leidenschaften der Zeitgenossen abfedert“ ist eine Erfindung des Übersetzers, bei Tocqueville bedient („s’aide“)  sich die Regierungskunst, ganz im Sinne Montesquieus, dieser Leidenschaften. Die Nähe zu Montesquieu geht auch da verloren, wo die „allgemeinen Ideen … jede Gesellschaft … in eine Art Begeisterung“ einhüllen, während sie bei Tocqueville „eine Art geistiges Klima“ (une sorte d’atmosphère intellectuelle) schaffen, das „den Geist der Regierten und Regierenden gleichermassen belebt“.  Selbst die Behauptung, die „freien Völker waren immer grosse Querulanten“ entspriesst nicht der Gedankenwelt Tocquevilles, der diese Völker als „procéduriers“ bezeichnet, was sagen will, dass sie prozesswütig waren.
# Auch das dritte zu besprechende Buch über Tocqueville diesmal aus der französischen Gelehrtenwelt kann – selbst wenn man berücksichtigt, das es sich um eine sehr spezielle Untersuchung handelt – dem Vergleich mit der Arbeit von Brogan nicht standhalten. Eigentlich müsste ich zufrieden, ja, glücklich, sein, dass das Buch von L. Guellec über Tocqueville erschienen ist. Sie bestätigt und vertieft meine seit 1979 vertretene These, die Besonderheit von Tocquevilles Werk „Über die Demokratie in Amerika“ bestehe in der rhetorischen Schreib- und Vorgehensweise dieses grossen Autors. Wilhelm Hennis war 1981 diesem Gedanken in einem Aufsatz in der Revista de estudios politicos beigetreten. Laurence Guellec nun untersucht und vertieft diese Interpretation des Hauptwerkes von Tocqueville mit der ganzen Gelehrsamkeit, Detailkunde und Rigorosität zu der die französische Academia erzieht. Trotzdem lese ich das Buch mit gemischten Gefühlen: Was nach meiner Ansicht eine grosse Hilfe für das Verständnis und die Interpretation der „Demokratie in Amerika“ sein kann, gewinnt bei Guellec ein Eigenleben, das die Gedanken und die Einsichten Tocquevilles vor dem Hintergrund dieser ausgebreiteten Gelehrsamkeit fast verschwinden lässt. Vielleicht sind diese kritischen Bemerkungen ungerecht, resultieren sie doch aus der mir selbstverständlichen Gedankenwelt der politischen Philosophie. Aber kann man denn Tocqueville anders untersuchen und verstehen und interpretieren denn als politischen Denker? Und müssen Untersuchungen über seine besondere Vortags- und Vorgehensweise denn nicht auch seine zentralen Gedanken in den Mittelpunkt stellen? Eine Analyse von Tocquevilles Weg der Untersuchung und Darstellung, die seine Methode nicht vom Gegenstand eben der „Demokratie in Amerika“ her zu verstehen und zu interpretieren versucht, scheint mir etwas blutleer.
Michael Hereth

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Religionsstifter ???

November 17, 2009 at 5:35 pm (Rezensionen / Critique, Uncategorized)

Alf Christophersen / Friedemann Voigt (Herausgeber), Religionsstifter der Moderne Von Karl Marx bis Johannes Paul II, 317 Seiten, Beck Verlag, München, 2009.
29,90 €

Zwei Privatdozenten für evangelische Theologie legen beim Publikumverlag Beck ein Buch vor, dessen Titel äußerst vielversprechend anzukündigen scheint, dass die Beiträge des Bandes sich mit den Erscheinungen moderner Massenreligionen oder auch mit den Phänomenen sektiererischer Gruppen unterschiedlicher Provenienz auseinandersetzen werden. Ein wenig befremdet ist der Interessierte allerdings, schon im Titel des Buches den Namen des Reformpapstes Johannes Paul II zu finden. Dieses Erstaunen setzt sich fort: Thomas Jefferson, Adolf von Harnack, Karl Barth oder der angesprochene Papst waren ja doch im ordinären Verständnis eines Laien eher Fortsetzer oder Reformatoren einer religiösen Tradition als  „Stifter“ einer Religion.
Also liest der Laie die Einleitung mit einiger Neugier. Was verstehen die Herausgeber unter Religion? Die beiden Theologen erklären dort, dass Religion „nicht mehr auf ihre kirchliche Gestalt beschränken lässt“, ließt weiter, dass « Christentum außerhalb der Kirche » hierfür ein fester Begriff geworden sei und er meint dem schon zustimmen zu können. Wenn er dann allerdings liest, dass dieses über die Kirche hinausreichende Verständnis schon wegen der anderen Weltreligionen notwendig sei, fragt er sich bei Betrachtung der Liste der behandelten „Religionsstifter“, wo diese anderen Weltreligionen denn abgeblieben sind. Abgesehen vom Aufsatz über Mircea Eliade behandelt kein Kapitel einen Denker oder Stifter religiösen Denkens, der außerhalb der jüdisch-christlichen Tradition angesiedelt ist.
Wenn er nun weiter neugierig bleibt, erfährt er, dass ein „Charakteristikum moderner Religion, eine persönliche, innerliche Dimension“ thematisiere und er fragt sich ob 1. das nicht schon immer so gewesen sei und 2. ob denn jede Form von „Innerlichkeit“ schon Religion im Sinne der Herausgeber sei. Nun aber findet sein Staunen kein Ende: Er liest, dass „Vorstellungen, die traditionell der Religion zugehören in anderen Bereichen wirkmächtig“ würden und staunt, „ und etwa finden in Kunst, Politik und Wissenschaft Aufnahme.“
Es kommt ihm nun der Verdacht, dass die Aufsatzsammlung vielleicht gar nicht zwischen den modernen Pseudo-Massenreligionen des 20. Jahrhunderts oder der Pseudo-Elitenreligion des 19. Jahrhunderts in der Kunst (etwa Wagner?) und der Religiosität, die auf einer verarbeiteten Gotteserfahrung basiert, ausgeht. Also unterbricht er die Lektüre der sehr gelehrten Einleitung und schaut in die Kapitel über Marx, Hegel und Wagner um dort vielleicht Korrekturen seiner beginnenden Indignation zu finden.
Im Aufsatz von Jan Rohls über Richard Wagner wird die Indignation des Lesers nicht gerade gedämpft. Mit welcher Eleganz und einigen unklaren Nebensätzen Rohls dort den virulenten Antisemitismus dieses Dresdner Bayreuthers behandelt ist ebenso verblüffend, wie das unanalytische Übergehen von Entdeckungen wie der folgenden: „Wagner, der gescheiterte Dresdner Revolutionär, entdeckt sich selbst in dem Menschen Jesus wieder, der die erbärmliche Welt der römischen Besatzer auch nicht umgestalten konnte […]“ Rohls, Professor für systematische Theologie in München, müsste doch zu dieser Ungeheuerlichkeit Wagners, der seinen Anti-Judaismus mit einer Identifikation seiner Person mit Jesus sowie dem Traum der „Erlösung der Menschheit, und nicht nur der Menschheit, sondern der gesamten Natur durch das Mitleid […]“ verbindet, etwas mehr zu sagen haben. Brandstiftung für Religionsstiftung zu halten oder das nicht zu kommentieren oder zu analysieren ist schon ein starkes Stück.
Der Essay von Ulrich Sieg, einem Marburger Geschichtsprofessor, über Paul de Lagarde bestätigt den Verdacht, dass wenig Analyse aber viel schnell niedergeschriebene Gelehrsamkeit die Herausgeber nicht vom Übernehmen eines Beitrages abhielt. Über den religionsstiftenden (?) Kulturpessimismus und Hyper-Nationalismus erfährt der Leser wenig, viel aber über die Wirkungsgeschichte dieses nationalistischen Orientalisten. Lagardes Antisemitismus wird ganz eigenartig relativiert. Die Wirkung der Analyse von Fritz Stern, der in der Tat diesen Professor als engstirnigen Nationalisten und Antisemiten darstellt, wird so kommentiert: „Erstaunlicherweise spielt es dabei nur eine untergeordnete Rolle, dass sich Sterns strikt ideologiekritischer Ansatz mit der zuletzt stark betonten widersprüchlichen Modernität des Kaiserreiches kaum vereinbaren lässt.“
Das geht so weiter…
Der Rezensent fasst sich selbst an die Nase. Mir wurde ein Buch mit einem irreführenden Titel vorgelegt. Es handelt sich in Wahrheit höchstwahrscheinlich um eines jener Massengräber kluger Aufsätze, die normalerweise unter dem Titel „Festschrift“ von hierauf spezialisierten Verlagen unter ein spärliches Publikum vertrieben werden. Der Beck Verlag hat entweder zur Täuschung geraten oder aber sich selbst durch den interessanten Titel und einen unaufmerksamen Lektor täuschen lassen.
Das Buch ist denn auch dem Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf gewidmet, und die Aufsätze legen Zeugnis vom Forschen seiner Freunde und ehemaligen Mitarbeiter wie auch von Grafs eigenen Interessengebieten. Wie das eben so ist in Festschriften. Von „Religionsstiftern der Moderne“ ist nur in der Einleitung und in einigen Aufsätzen die Rede; im letzteren Fall allerdings handelt es sich um die bescheideneren Beiträger, die betonen ihr Gegenstand habe nichts mit einem Religionsstifter zu tun.

Michael Hereth Saint Cyr sur mer

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LA FRANCE ET SES DETTES

July 13, 2008 at 2:40 pm (Politique cotidienne) ()

La France a trop de dettes

La situation de la conjoncture économique est grave. Les banques ont spéculées comme pas mal de particuliers et pas mal d’entreprises du bâtiment sur une « petite » inflation, c’est à dire sur une augmentation continuelle des prix. Ainsi ils ont donné des crédits en supposant que les prix dans le bâtiment vont continuellement augmenter. C’était faux. Une économie ne peut plus se baser sur une telle attente. Ce n’était pas seulement aux Etats Unis qu’il y avait une spéculation malsaine. D’augmenter les dépenses sans frontière se révèle d’être un chemin vers l’abîme. Nous y sommes au bord de cet abîme. On a augmenté les dépenses sans respect du financement sérieux. En France ce n’est pas seulement le secteur du bâtiment qui s’est endetté. Tout le pays a vécu au-dessus de ses moyens … et cela depuis longtemps. L’idée « keynésienne » d’augmenter les dépenses pour créer d’emplois était dès le début fausse.

Le directeur des études économiques de Natixis donne le 13 juillet une interview au « Monde » où il déclare que dans le contexte de la situation économique de la France « faire des déficits publics, c’est mettre la main dans un trou sans fond. »

Le « Keynésianisme » (c’est à dire la méthode d’augmenter la demande – et ainsi la croissance – en augmentant les dettes, soit du budget de l’état soit d’autres budgets ) est mort. Je ne suis pas sure qu’il a jamais vécu (à l’exception du cas exceptionnel qu’une économie soit tellement déséquilibrée que des moyens de production – main d’œuvre et outils de production – ne sont pas utilisés seulement parce qu’il n’y a pas de demande monétaire pour acheter des services et des biens que l’appareil producteur est prêt à produire. Ceci était le cas pour une grande partie des économies européennes dans le temps de J.M.Keynes ; Et c’est pour cette raison la théorie de Keynes n’est pas une « théorie générale » comme prétend son fameux livre mais au contraire une « théorie particulière ».)

Au niveau national des dettes en termes non-monétaires ne sont jamais autre chose que des dépenses fiancées par la promesse de rembourser au créditeur la somme donnée PLUS les intérêts dans le futur. On consomme ou l’on investit des biens ou des services qu’on va rendre au celui qui s’abstient dans le présent de jouir de sa capacité d’acheter. Dans le futur le créditeur pourra bénéficier des biens et /ou des services non achetés PLUS les services et les biens lesquels il peut acheter avec les intérêts qu’il reçoit pour sa décision de ne pas dépenser dans l’immédiat.

Ainsi une dette signalise toujours un déni au futur (agrandi par les bénéfices donnés au créditeur pour son refus de profiter dans le présent) pour une jouissance dans le présent. Au point de vue que une société consiste en différentes générations cela dit : Une dette signifie une jouissance à la dépense des enfants et des petits-enfants. S’il y a croissance importante de l’économie les futurs générations sont privés que d’une partie de leurs jouissances du au fait que le produit national augmente, alors on ne s’en aperçoit pas ; mais personne doit dire que ce n’est pas pour rien que l’on peut s’endetter. Ceci est une loi économique contre laquelle on peut polémiquer mais elle existe.

La France bien longtemps à partir des années 50 jusqu’à l’introduction de l’euro a évité de faire face à cette loi inébranlable en fiançant sa dette publique par une « petite » inflation continuelle et régulière. Ainsi le franc français au début des années 50 avait un taux d’échange à peu près 1 : 1 contre la deutschemark. Au temps de l’introduction de l’euro le taux d’échange avait dégringolé vers 1 : 3.5. On a évité ainsi beaucoup de mesures et coupures nécessaires et en plus des conflits sociaux qui en auraient résulté. Le prix devient visible aujourd’hui : Le peuple et la classe dirigeante de la France ont adapté une mentalité inflationniste qui est tellement entre dans les mœurs du pays qu’elle empêche le gouvernement de voir l’abîme vers lequel nous nous promenons. Tout le monde parle de la précarité. Au fond elle est due à l’endettement des ménages privés (des dettes avec un remboursement soulagé par la « petite » inflation c’était supportable …) et des différents budgets publics. Les ménages s’arrètent; comment agit le gouvernement ?

Maintenant – dans l’intérêt des futures générations – il faut en finir. Nous avons besoin d’une politique sérieuse de rigueur.

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Alexis de Tocqueville: Die „Sitten“ und die Exportfähigkeit der Demokratie

June 28, 2008 at 4:21 pm (About Alexis de Tocquqeville, Politische Philosophie)

Am 29. Juli 1805 wurde Alexis de Tocqueville, Spross einer alten normannischen Adelsfamilie, in Paris geboren. Besonders seine beiden großen Bücher De la Démocratie en Amérique und L’Ancien Régime et la Révolution sind in der Tat außerordentliche Leistungen eines distanzierten und überlegten Kopfes. Beide Werke berücksichtigen in ihren Analysen wirtschaftliche, historische, soziale, religiöse und politische Faktoren bei der Untersuchung sowohl der amerikanischen als auch der französischen Gesellschaft. Tocquevilles kritische Beschreibung der Demokratie ist natürlich schwer in die Schubladen der Historiographen der politischen „Ideengeschichte“ einzuordnen. Seine Analyse der Unfähigkeit demokratisch geprägter Gesellschaften, Probleme ohne massive Krisenerfahrung zu lösen, macht ihn weder zu einem Freund noch zu einem Gegner der Demokratie. Dies gilt ebenso für seine Feststellung, dass Demokratien zur Auswahl mittelmäßigen Führungspersonals und insgesamt zu einem Bevorzugen des Mittelmaßes neigen. Es gilt auch für seine uns heute gar nicht mehr ins Auge springende Feststellung, dass in den demokratischen Gesellschaften die große Mehrheit der Bürger – unablässig um den Aufstieg oder gegen den befürchteten Niedergang der Familie kämpfend – sich in sinnloser kleinkarierter Hektik um sich selbst dreht und um tausend kleine Vorteile kämpft (bei uns wird dieses nicht mehr als Besonderheit der Demokratie erkannte Verhalten nunmehr sogar als Grundlage einer Wissenschaft angenommen; diese heißt „Nationalökonomie“). Tocqueville ordnet viel von dem, was für uns heute selbstverständlicher Alltag ist, unter die Folgen demokratischer Verhältnisse ein, und er setzt Fragezeichen, wo wir gar nicht mehr fragen. Dies macht ihn anregend, es sei denn man ordnet ihn irgendwo in der Ideengeschichte der Politik ein. Tut man dies, erklärt man ihn zu „abgesunkenem Kulturgut“, dann beraubt man ihn gewiss seiner anregenden Qualität.
Über die Besonderheiten seiner Werke1 und ihre Wirkung. ist viel geschrieben worden (besonders für Frankreich: Mélonio (1993); für die Wirkung in Deutschland noch immer exzellent: Eschenburg (1959); und neuerdings Marti (2004) sowie Clark (2004)). Die Aktualität seiner Bücher ist unbestreitbar; seine lobenden wie auch die kritischen Bemerkungen zur ersten weltpolitisch bedeutenden und gelungenen Großflächendemokratie in Nordamerika inspirieren noch heute Lobreden wie Kritik der demokratischen Regierungsform. Auch Tocquevilles Einsichten in die Bedingungen, die zur Revolution von 1789 führten, sind für die herausragenden Autoren der Revolutionsgeschichtsschreibung in Frankreich Anlass für eine Neuinterpretation und Neubeschäftigung mit der Großen Revolution geworden (Furet 1965, 1978). Dass Tocqueville darüber hinaus nicht frei von den Vorurteilen seines Zeitalters war, entdeckt derzeit besonders Frankreich, das anlässlich der Reflexion des Kolonialismus besonders in Algerien den problematischeren Teil seines Denkens debattiert (Le Cour Grandmaison 2005; Le Monde 2005) Tocqueville war als Politiker ein brennender Befürworter des Kolonialismus.

Demokratie: weder Problemlöserin noch passe-partout

Sicherlich ist für den politischen Wissenschaftler De La Démocratie en Amérique scheinbar das bedeutungsvollere Buch. Und bis auf den heutigen Tag streiten sich die Amerikaner und die Franzosen um „ihren“ Tocqueville. Zwar ist der demokratische Adelige Franzose, aber intellektuell haben die Nordamerikaner Alexis de Tocqueville als einen der ihren eingebürgert und interpretiert. Ob die Amerikaner und die Franzosen allerdings den großen Autor und seine Interpretation der Vorzüge, Nachteile, Probleme und Besonderheiten demokratisch geprägter Gesellschaften tatsächlich als meinungsprägenden Schriftsteller ernst nehmen, darf bezweifelt werden. Tocquevilles blendender Stil, der sowohl amerikanische als auch deutsche Übersetzungen überlebte, und der von der rhetorischen Brillanz seiner Schriften zeugt, stellt ja in der Tat eine Verführung dar, den Denker eher zu zitieren als Konsequenzen aus seinen Einsichten zu ziehen.5
Frankreich hat noch immer Probleme, die von Tocqueville heftig kritisierte Zentralisierung rückgängig zu machen; und die Nordamerikaner erliegen noch immer leicht der Versuchung, unseren Autor für einen Apologeten der demokratischen Ordnung amerikanischer Provenienz zu halten. Neuerdings lernen wir nun, dass die Amerikaner diese Ordnung überallhin exportieren wollen.
Wir stellen die Frage, ob Tocquevilles kritische Analyse der Demokratie nicht eher den Rat gibt, Versuche, die Demokratie wohin auch immer zu exportieren, mit Vorsicht zu betreiben oder ganz zu unterlassen.
Der mit seinem Freund Gustave de Beaumont mitten in der „Jacksonian Revolution“ in den Jahren 1831-1832 die USA besuchende Tocqueville wollte in der Tat in Nordamerika studieren, was die mögliche Zukunft des von Krisen geschüttelten Frankreichs sei. Er wollte in Nordamerika lernen, was die französische Führungsschicht beachten müsse, damit endlich stabile Verhältnisse in Frankreich hergestellt werden könnten. Die Demokratie ist in den Augen Tocquevilles für Frankreich und für einen Teil Europas unaufhaltbar. Seine in Amerika gewonnenen Erkenntnisse, die seine Vermutungen und Kenntnisse bestätigen, sagen ihm, dass die bürgerliche Gleichheit, freie Wahlen der Repräsentanten des Volkes, die Teilnahme der Bürger an den öffentlichen Angelegenheiten und die Rechtssicherheit als Ordnungsprinzipien der Demokratie auch in Europa zu geordneten Verhältnissen führen können. Aber: kein Franzose sollte davon träumen, einfach die Amerikaner zu kopieren. Tocqueville hat keine allgemeine Theorie der Demokratie entwickelt, noch entwickeln wollen. Im Gegenteil: Er war ein Gegner derartiger allgemeiner Theorien, nur die Analyse der konkreten Gesellschaft und ihre Besonderheiten interessierten den französischen Edelmann.

„Die allgemeinen Begriffe zeugen nicht von der Stärke, sondern eher von der Schwäche der Vernunft; denn in der Natur gibt es keine genau gleichen Wesen; keine übereinstimmenden Tatsachen; keine Regeln, die sich unterschiedslos und gleichförmig auf mehrere Dinge gleichzeitig anwenden ließen. Die allgemeinen Begriffe haben das Wunderbare an sich, dass sie dem menschlichen Geist erlauben, über eine große Menge von Dingen gleichzeitig schnell zu urteilen; andererseits aber liefern sie ihm immer nur unvollständige Kenntnisse. Was sie dem Geist an Weite gewähren, entziehen sie ihm an Genauigkeit“ (Tocqueville 1961b: 20 )

Dies gilt auch für Tocquevilles Einsichten in die Wirkungsweise der Demokratie, die er in den jungen USA beobachtet. Selbst für das zivilisatorisch ähnlich geartete Europa kann man die amerikanischen Regeln, Institutionen und Prinzipien der Verfassung nicht einfach so übertragen. Die besonderen Gegebenheiten in Europa und Frankreich erzwingen unterschiedliche praktische und institutionelle Regelungen. (Tocqueville 1961a: 324) schreibt:

„Könnte man sich nicht eine demokratische Gesellschaft denken, in der die nationalen Kräfte stärker zentralisiert wären als in den Vereinigten Staaten, in der das Volk eine weniger unmittelbare und zwingende Herrschaft über die allgemeinen Geschäfte ausübt, und in der dennoch jeder Bürger, mit gewissen Rechten versehen, in seinem Bereich am Wirken der Regierung beteiligt wäre? Was ich bei den Angloamerikanern sah, lässt mich glauben, dass diese Art von demokratischen Einrichtungen, wenn sie vorsichtig in die Gesellschaft eingeführt, sich mit den Gewohnheiten nach und nach vermischen und allmählich mit den Meinungen des Volkes selbst eins würden, anderswo als in Amerika Bestand haben könnten.“

Das „anderswo“ aber ist nicht die ganze Welt. Tocqueville redet nur von den Ländern Europas und besonders von Frankreich, für die er die amerikanischen Verhältnisse als vorbildlich preist. Und selbst was die mögliche Übernahme demokratischer Grundprinzipien anbetrifft, ist Tocqueville vorsichtig. Sie können – umsichtig betrieben – den Europäern helfen, mit der schon zuvor langsam in einem langem Geschichtsprozess entstandenen Gleichheit der Bedingungen erfolgreich umzugehen.
Für Tocqueville steht aber fest, dass die Demokratie, die er in Amerika studiert und deren revolutionären Durchbruch er in Frankreich analysiert, nur unter sehr genau bestimmbaren Bedingungen eine Ordnung ist, die Stabilität, Freiheit und Recht herbeiführt. Anders gewendet: Es gibt Länder und Zivilisationen, in denen die Folge der Einführung demokratischer Ordnungsprinzipien und Institutionen mitnichten Stabilität, Freiheit und Recht sein wird.
Schon seine bedingungslose Unterstützung der französischen Kolonialpolitik in Algerien macht überdeutlich, dass er eben nicht von der ganzen Welt redet, wenn er die Unaufhaltsamkeit der demokratischen Bewegung beschreibt. Für Algerien sieht Tocqueville nach einer anfänglichen Hoffnung auf eine gemischtrassige egalitäre Gesellschaft in Algerien (Tocqueville 1962: 129ff) ein von Franzosen als Herren und von Algeriern als Beherrschten zusammengesetztes Land vor, die allen demokratischen Prinzipien widerspricht (Tocqueville 1962: 209ff).
Es ist hier nicht der richtige Ort, um die imperialistischen Konsequenzen zu diskutieren, die im 19.Jahrhundert von vielen in Europa aus der Erfahrung der Begegnung mit anderen Kulturen gezogen wurden. Tocqueville hat diese Konsequenzen größtenteils mitgezogen. Die Erkenntnis jedenfalls, dass die Einrichtung demokratischer Verhältnisse durch Oktroi einer fremden Macht nicht möglich sei, hat Tocqueville in Algerien schnell gewonnen. Schon nach seiner ersten Reise durch Algerien glaubte er erkennen zu können, dass in Nordafrika eine demokratische Gesellschaft gleichberechtigter Bürger nach amerikanischem oder französischem Muster zusammengesetzt aus Europäern, Arabern und Kabylen nicht möglich sei. Der zivilisatorische Hintergrund des nordafrikanischen Landes ist und war vom französischen und amerikanischen so verschieden, dass Tocqueville eigentlich nur wenige Monate lang an eine, von Gleichheit und Gleichberechtigung aller dort Lebender, bestimmte Gesellschaft in Algerien dachte. Geschichte, private und öffentliche Verhaltensweisen, die Religion, das Wirtschaftssystem, die Sozialordnung; alles ist in diesem Lande anders, wie könnte es nach den gleichen Mustern regiert werden und sich selbst regieren wie die USA oder Frankreich?
Bei unserer Fragestellung geht es nur darum zu beurteilen, ob Tocquevilles Einsicht stimmt, dass demokratische Institutionen und Verhaltensregeln eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für eine stabile demokratische Ordnung sind. Es gibt nach Tocqueville eine Reihe weiterer Bedingungen, die erfüllt sein müssten, damit eine demokratische Ordnung euro-amerikanischer Provenienz eingerichtet werden kann. Diese Bedingungen sind nicht „herstellbar“ – und über sie wird im Folgenden geredet.
Es geht also nicht um ein für uns Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts leichtes Urteil über den Imperialismus der Europäer im 19.Jahrhundert. Die Einsicht in die Andersartigkeit der algerischen Gesellschaft und Zivilisation gilt auch, wenn man Tocquevilles Konsequenzen – den Kolonialismus, die Eroberung und der Versuch ein auf Ungleichheit der Bewohner basierendes Gesellschaftssystem einzurichten – nicht akzeptiert.

Die Stabilität, die Demokratie und „les mœurs“

Man muss in den zentralen Gedanken von Tocquevilles Werken eindringen, um zu verstehen, wie wenig dieser Denker die Demokratie für ein überallhin exportfähiges Produkt hält. Alexis de Tocqueville hält die „mœurs“ für einen entscheidenden Faktor bei der Einrichtung und Stabilität einer Demokratie. Ein Großteil des zweiten Bandes der Démocratie en Amérique behandelt die besonderen demokratischen mœurs (Das Wort wird im Allgemeinen mit „Sitten“ übersetzt; wir werden sehen, dass dies nicht den gesamten Inhalt des Gemeinten erfasst.) Schon der erste Band des Werkes über Amerika schildert, wie das amerikanische politische Leben, die amerikanische Verhaltenskultur und die amerikanischen politischen Institutionen der Demokratie dienliche mœurs fördern oder erhalten. Die amerikanische Besonderheit, der Vorzug der Amerikaner ist, dass ein Großteil ihrer mœurs der Demokratie dienlich sind. Dies ist die große Chance der amerikanischen Demokratie. Am Ende dieses ersten Bandes der Démocratie en Amérique findet der Leser ein abschließendes Kapitel, das die Hauptursachen untersucht, die dazu beitragen, dass die demokratische Republik in Nordamerika sich erhält und stabil ist.
Das wichtigste Ergebnis seiner Überlegungen zur Stabilität der Demokratie in Nordamerika formuliert Tocqueville (1961a: 319) in der Überschrift eines Unterkapitels: „Die Gesetze tragen mehr zur Erhaltung der demokratischen Republik in den Vereinigten Staaten bei als die geographischen Umstände und die mœurs noch mehr als die Gesetze.“ Mit anderen Worten: Die mœurs sind für die Stabilität der amerikanischen Union wichtiger als die Verfassung, und sie sind auch wichtiger als die besondere geopolitische Lage der USA.
In einer Fußnote zum ersten Absatz des so überschriebenen Unterkapitels erinnert Tocqueville (1961a: 300) seinen Leser an die in einem vorangegangenen Kapitel gegebene Beschreibung dessen, was er mit mœurs bezeichnet. Wir lesen an der Stelle, auf die er hinweist:

„Ich verstehe hier den Ausdruck mœurs in dem Sinne, den die Alten dem Wort mores gaben; ich verwende ihn also nicht nur auf die eigentlichen Sitten an, die man liebgewonnene Gewohnheiten nennen könnte, sondern auf die verschiedenen Begriffe, die die Menschen besitzen, die verschiedenen Meinungen, die unter ihnen gelten, und auf die Gesamtheit der Ideen, welche die Gewohnheiten des Geistes bilden.“

Die mœurs oder Sitten und Gewohnheiten beschreiben also den gesamten Kosmos der Denk-, Verhaltens-, Debattier- und Interpretationsweisen einer politischen Gesellschaft; ihre Art, die öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Angelegenheiten zu beschreiben, ihre Symbole und Gemeinplätze, ihre Werte und die sich aus diesen ergebende Praxis menschlichen und bürgerlichen Handelns und Verhaltens.
Dieses Ensemble der jeweils besonderen Denk-, Interpretations- und Handlungsmuster ist konstitutiv für die Eigenheiten einer jeden Gesellschaft; manche Muster aber sind für die Ausformung von demokratischen Ordnungselementen unabdingbar, und nur diese interessieren Tocqueville in seinem Werk über die USA. Er erklärt zu den mœurs, die er untersuchen will: „Ich beschränke mich jetzt darauf, das unter ihnen zu beschreiben, was zur Erhaltung der politischen Einrichtungen beiträgt“ Im Buch folgen dieser Ankündigung drei Kapitel über die christliche Religion und ein Kapitel über die Geisteshaltung und die Gewohnheiten und praktischen Erfahrungen der Amerikaner. Danach finden wir das Kapitel mit der zitierten Überschrift, das die zentrale Bedeutung der mœurs für die Stabilität der amerikanischen Union hervorhebt. Dieses Kapitel und mit ihm praktisch der erste Band der Démocratie en Amérique wird mit folgenden Sätzen abgeschlossen:

„Die Wichtigkeit der mœurs ist eine allgemeine Wahrheit, die von Untersuchungen und Erfahrung ständig bestätigt wird. Mir scheint sie das Zentrum meiner Überlegungen; ich entdecke sie am Grunde aller meiner Einsichten. Ich will noch ein Wort hinzufügen. Sollte es mir nicht gelungen sein, im Laufe dieses Werkes dem Leser klarzumachen, dass ich dem praktischen Sinn der Amerikaner, ihren Gewohnheiten und ihren Meinungen, mit einem Wort ihren mœurs, die größte Bedeutung zumesse, dann habe ich das Hauptziel verpasst, das ich mir beim Schreiben gestellt habe“ (Tocqueville 1961a : 323).

Es gibt gute Gründe, die Betonung der zentralen Bedeutung der mœurs, die Tocqueville niederschreibt, ernst zu nehmen. Der geistige Erbe Montesquieus (zu den mœurs bei Montesquieu besonders Benrekassa 1995; auch Hereth 1995: 45ff) redet, die mœurs oder Sitten beschreibend, soziologisch gesprochen vom Zentrum oder vom Gemeinsamen einer Gesellschaft. Die mœurs sind das sich nur langsam und schwerfällig ändernde Kontinuum der Sitten und Gewohnheiten, der gemeinsamen Denkweisen und der gemeinsamen Ausdrücke, Begriffe und Symbole einer Gesellschaft, mit denen die Bürger ihre gesellschaftliche und politische Wirklichkeit beschreiben, interpretieren und letztlich konstituieren. Sie sind geschichtlich gewachsen. Die Verhaltens-, Rede- und Denkkultur der mœurs macht zudem das Besondere einer jeden Gesellschaft aus. Diese mœurs, im gegebenen Falle die der Amerikaner, sind, so Tocquevilles These, der entscheidende Faktor für die Existenz, die Funktionsfähigkeit, besonders aber für die Stabilität der amerikanischen Republik als Demokratie.
In der Einleitung zur Démocratie en Amérique schildert Tocqueville, wie die europäischen Gesellschaften, insbesondere Frankreich, in einem geschichtlichen Prozess von sieben Jahrhunderten langsam aber kontinuierlich in einer „unaufhaltsamen Umwälzung“ zur Demokratie voranschreiten. Dieser nachhaltige Entwicklungsprozess, in dem die mœurs der „christlichen Völker“ geformt und ausgebildet wurden, hat in den Augen Tocquevilles etwas schicksalhaft-fatales. Das Handeln der einzelnen Menschen, Politiker oder Könige muss sich – will es erfolgreich sein – in dieses Schicksalhafte einfügen. Wo die Handelnden dem zuwider handelten (dies ist die List der Vernunft bei Tocqueville), trieben sie, in Europa jedenfalls, den Prozess zur demokratischen Gleichheit trotzdem voran. Der Handelnde kann bestenfalls die besonderen konstitutionellen und sonstigen Bedingungen, unter denen der unaufhaltsame Prozess zur demokratischen Gleichheit – denn um diesen handelt es sich – abläuft, beeinflussen. Nicht mehr! Der große Liberale ist gewiss kein Fatalist; aber er weiß doch um die Grenzen der Handlungsmöglichkeiten der Menschen. Gerade, weil es ihm um Einsichten ins menschliche Handeln geht, will er auch die Grenzen beschreiben, die dem Handeln gegeben sind: Denn nur in Kenntnis seiner Grenzen vermag der Mensch erfolgreich und rational zu handeln.
Diese schon in der Démocratie en Amérique beobachtete Betonung der geschichtlichen Kontinuität wird von Tocqueville in seiner zweiten großen Arbeit L’Ancien Régime et la Révolution wieder aufgenommen. Insbesondere das zweite Buch dieses Werkes untersucht und betont die tief im Vergangenen der französischen Geschichte entstandenen Sonderbedingungen der Großen Revolution. Diese haben, so Tocqueville, zu den besonderen Denk- und Verhaltensmustern der französischen Gesellschaft geführt, welche die Revolution nicht nur überlebten, sondern ihren Verlauf und ihr Ergebnis entscheidend beeinflussten. Niemals, so schreibt er, habe es ein länger und besser vorbereitetes Ereignis gegeben.

„Wie radikal auch die Revolution gewesen sein mag, sie hat doch viel weniger erneuert als man allgemein annimmt (…). Weniger als alles andere war die Revolution ein zufälliges Ereignis. Sie hat zwar die Welt überrascht, aber tatsächlich war sie die Vollendung langwierigster Arbeit, der plötzliche und gewaltsame Abschluss eines Werkes, an dem zehn Generationen von Menschen gearbeitet hatten“ (Tocqueville 1952 : 96).

Warum betone ich so insistierend den Gedanken Tocquevilles, dass sowohl die zur Demokratie führende Große Revolution in Frankreich als auch die amerikanische Demokratie aus einem über Jahrhunderte dauernden Geschichtsprozess hervorgingen? Nicht, weil ich von einer totalen Determination politischer Gesellschaften durch ihre Vergangenheit überzeugt bin, sondern weil ich, von Tocqueville überzeugt, die Gewissheit teile, dass die amerikanischen und französischen Geschichtsprozesse zu besonderen mœurs geführt haben. Diese sind ihrerseits die entscheidende soziale Grundlage für stabile Demokratiegründungen.
Es gibt wenig Gründe an der Richtigkeit der These Tocquevilles zu zweifeln, dass die mœurs der Amerikaner der wesentlichste Faktor der Stabilität der amerikanischen Union sind. Dies macht aber den Umkehrschluss zu einer plausiblen Vermutung: Das Fehlen der besonderen mœurs oder vergleichbarer Denk- und Verhaltensweisen macht eine demokratische Gesellschaft instabil. Fehlen die entsprechenden mœurs, wird eine demokratische Verfassung etwas Aufgeklebtes, das nicht der Gesellschaft entspricht, die ein Regierungssystem erhält.

Geschichtskontinuität und Theorie der Demokratie

Die Betonung der mœurs, mit der Tocqueville zentrale Gedanken Montesquieus in konzentrierter Form aufnimmt (tatsächlich zieht Tocqueville den esprit général und die Prinzipien Montesquieus zu den mœurs zusammen) ist aber leider bei einem großen Teil der modernen politischen Wissenschaft und in der Folge bei der Politik in Vergessenheit geraten. Sie wurden verdrängt von einem Denken, für das bestimmte wirtschaftliche Bedingungen (wie Mindestproduktivität, Diversifikation der Produktion) und organisatorische Gegebenheiten sowie andere mehr oder weniger beeinflussbare Größen, die wesentlichen Voraussetzungen einer demokratischen Ordnung sind.
Was die Demokratieforschung an Ergebnissen zu Tage fördert, ist insgesamt in aller Regel nicht falsch; nur, es scheint mir ein wenig kurz zu greifen. Diese Art von Forschung kann meist nicht erklären, warum beim Vorliegen der von ihr konstatierten „notwendigen Bedingungen“ dann doch in diesem oder jenen Fall keine stabile demokratische Ordnung errichtet wird.
In seinem die Überlegungen dieser Politologen sympathisch verständlich wiedergebenden Buch Demokratie stellt Hans Vorländer (2003) ein „Modell der Funktionsvoraussetzungen der Demokratie“ vor, das das ganze Ungenügen derartiger allgemeiner Theorien recht deutlich ausspricht: “Immer hängen Erfolg und Scheitern von Demokratisierungsprozessen von den konkreten Umständen und Situationen, von politischen Strukturen und Funktionen, aber auch vom Verhalten der politischen Akteure ab.“ Da gäbe es „keinen Determinismus“. Vorländer, sehr repräsentativ für die vorherrschende politische Wissenschaft, zählt dann „vier essentielle Bedingungen“ auf, die Demokratie möglich machen: Kontrolle der militärischen und polizeilichen Gewalt, eine pluralistisch gegliederte freie Gesellschaft, eine demokratieförderliche internationale Lage und (bei Vorländer steht das an zweiter Stelle) „eine politische Kultur, die den demokratischen Prozess (…) unterstützt und zugleich die Demokratie als eine Staatsform (…) bei ihren Bürgern akzeptieren lässt“ (Vorländer 2003: 97). Scheinbar ist natürlich diese „politische Kultur“ mit den mœurs identisch. Erst wenn man genauer fragt und überlegt, wird der Unterschied erkennbar: Tocqueville redet, von den mœurs handelnd, von etwas, in einem langen Geschichtsprozess entstandenem, von einer Gegebenheit, die nicht zur Disposition steht, die nicht das Ergebnis einer Entscheidung ist, die man so oder so fällen kann. Er redet von einer Lebens-, Denk-, Verhaltens- und Interpretationsweise der gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit. Er redet nicht von einer Staatsform und ihrer „Akzeptanz“ Er redet von keiner „Präferenz“. Genau genommen redet Tocqueville von einer Vorbedingung, die historisch gewachsen ist. Ist sie nicht gegeben, kommt aus der Einführung demokratischer Institutionen etwas anderes heraus als eine mit den USA vergleichbare Demokratie. Die politischen Institutionen der USA, die bei Tocqueville einen so wichtigen Part bei der Erziehung des Volkes haben (Hereth 1979: 38ff), unterstützen und reproduzieren etwas schon vorhandenes, eben die mœurs. Dass es in der modernen Demokratieforschung bei der politischen Kultur nicht um etwas derartig Essentielles geht, macht der zitierte Vorländer durch den Satz deutlich, dass „die Wahrscheinlichkeit einer funktionsfähigen Demokratie in dem Maße geringer [sei], in dem eine oder mehrere [der Bedingungen] nicht vorliegen“ (Vorländer 2003: 96). Ohne die dazugehörigen und notwendigen mœurs aber gibt es für Tocqueville überhaupt keine stabile Demokratie.

Ist Demokratie ein Exportprodukt ?

Andere europäische Länder und andere vom europäisch-amerikanischen Denken geprägte Gesellschaften in Nordamerika oder in Neuseeland und Australien, oder – und da schon mit großen Einschränkungen – in Lateinamerika, haben ähnliche mœurs entwickelt und demokratische Regime errichtet. Aber überall, wo anders geartete mœurs das Handeln, Denken, Verhalten und Selbstverständnis der Bürger bestimmen, sind „Demokratien“ im europäisch-atlantischen Sinn schwer, mühsam oder gar nicht selbstverständliche Konsequenzen der „Herrschaft des Volkes“. Dies will natürlich der missionarische Geist der Demokratie, der besonders mit der französischen Revolution in die Welt kam und der später in die Neue Welt ausgewandert zu sein scheint, nur ungern einsehen. Verbindet sich dieser missionarische Geist zudem mit einer Politik der Macher, die unsere moderne Welt beherrscht und die meint, alles stehe zur Disposition der Handelnden, entsteht daraus ein fast ideologisches Gemisch: Die Demokratie wird zu einem Exportgut.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind gewiss noch heute der Hauptrepräsentant demokratischer Ordnung. Sie haben aber die fatale Neigung – und dies nicht nur unter der derzeitigen Regierung – alle zu ihrer Regierungsform bekehren zu wollen. Begleitet wird dieser sympathische Wunsch, der mehr von Liebe zur Menschheit zeugt als von kluger Einsicht in die Möglichkeiten politischen Handelns, von einer Illusion der Machbarkeit, die im Gewande von Wissenschaft daherkommt: The American Science of Politics. Wir Europäer haben diese Wissenschaft als eine allgemeine Wissenschaft von der Politik weitgehend übernommen, unsere eigenen Traditionen politischer Wissenschaft mehr oder weniger geopfert, und wir bemerken kaum noch, dass immer mehr Ereignisse auf dieser Erde mit dieser Art von Wissenschaft kaum oder gar nicht erklärt werden können (Crick 1959).6
Als der eiserne Vorhang fiel und der Kommunismus zusammenbrach, hat eine Gruppe französischer Historiker, Politologen und Soziologen unter der Leitung des Tocqueville-Herausgebers François Furet eine ganze Serie von Seminaren für Intellektuelle und Wissenschaftler in den ehemaligen vom Kommunismus befreiten Ostblockländern veranstaltet. In diesen Seminaren wurden die Gedanken Tocquevilles vorgestellt, diskutiert und – unausgesprochen, aber für die betroffen Länder durchaus berechtigt – als Hilfe beim Aufbau demokratischer Verhältnisse angeboten. Die Regierung der französischen Republik hat diese Seminare großzügig unterstützt. Unübersehbar ist, dass vergleichbare Veranstaltungen von der französischen Republik im Verlauf der Entkolonialisierung in den ehemals von Frankreich beherrschten und frei werdenden Ländern nicht stattgefunden haben. Dies hat einen guten Grund. Die ehemaligen Kolonien Frankreichs in Afrika, Asien und Amerika werden von Bürgern bewohnt, die so anders geartete politische Sitten, Gewohnheiten, Denkweisen und Traditionen – eben mœurs – haben als die Länder Ost- und Mitteleuropas, die das kommunistische Joch loswurden oder abschüttelten, dass niemand auf diesen Gedanken kam (zudem, dies sei zugegeben, Tocqueville erlebt seine Renaissance erst jetzt). Aber es gilt: Tocquevilles Überlegungen zur Einführung demokratischer Verhältnisse sind keine Kost, die in jedes politische Sozialfeld eingespeist werden könnte. Wo ethnische Gegensätze, verschiedene Religionen, künstliche Staatsgrenzen, Erfahrungen kolonialer Unterdrückung, völlig anders geartete Formen des Sichverständigens bei Gegensätzen, andere Interpretationen des Menschen in Gesellschaft und Politik und andere überlebende Traditionen vorherrschen, sind auch andere politische Organisationsformen geboten. Es geht bei diesen kritischen Bemerkungen nicht um einen totalen Kulturrelativismus, der dazu neigte, Völkern anderer Zivilisationen das Recht auf Freiheit, Selbstbestimmung und Glück zu verweigern oder auch nur ihnen die Möglichkeit dazu abzusprechen. Aber andere Sitten, Traditionen, historische Erfahrungen, eben mœurs, verlangen auch andere Ordnungsformen, wenn diese stabil sein sollen. Allgemeine Wahlen sind kein Instrument der Stabilisierung, sondern – wenn sie erfolgreich abgehalten werden können – Symptome von Stabilität. Es gehört doch beispielsweise eine gesunde Portion Naivität und Blauäugigkeit dazu, jene politischen Ordnungen, die – da sogar unter Einhaltung vergleichbarer institutioneller Regelungen wie in der europäisch-atlantischen Zivilisation – in Japan oder Indien herrschen, zu egalitären Demokratien westlichen Musters zu erklären. Dies gilt in noch stärkerem Maße für andere Länder auf dem afrikanischen und dem asiatischen Kontinent. Es gilt auch für den Irak. Das Aufführen von „Demokratie“ in den Staatswappen, den Verfassungstexten und den offiziellen Festtagsreden darf nicht täuschen: Es handelt sich um andere Ordnungsformen; nicht um egalitäre Demokratien westlich-atlantischer Provenienz.
Die Demokratien westlichen Musters können gewiss einen Großteil ihrer Institutionen als nachahmenswerte Beispiele anderen Ländern empfehlen. Wir könnten auch wünschen oder darauf bestehen, dass gewisse Mindeststandards der Rechte der Bürger und Menschen von den politischen Ordnungen unterschiedlicher Provenienz eingehalten werden. In dem Maße aber, in dem wir, unsere Institutionen und Verfassungsordnungen exportierend, meinen, wir exportierten demokratische Ordnungen, geben wir uns Illusionen hin. Die Briten haben, als sie sich im 19. und 20. Jahrhundert aus ihrem Kolonialreich zurückzogen, der Illusion gehuldigt, man könne den britischen Parlamentarismus überallhin übertragen. Heute wissen wir, dass dies nicht funktioniert hat. Die „mœurs“ der Länder, die die Briten in die Unabhängigkeit entließen, sind so anders geartet, dass bis auf die Wollperücken der Richter nur wenig von der britischen Regierungsweise tatsächlich übernommen wurde. Dies gilt auch und gerade, wenn eine in europäisch-atlantischem Geist geformte Führungsschicht die politischen Geschäfte übernommen hat.
Tocqueville dekliniert dieses Problem der Inkompatibilität bestimmter mœurs, die bei der Begründung einer politischen Gesellschaft vorhanden sind, die aber einer demokratischen Entwicklung nicht dienlich sind, ein ganzes Kapitel lang in der Démocratie en Amérique. Er vergleicht die Länder Lateinamerikas mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika und macht deutlich, dass weder die geopolitische Lage – entfernt von den europäischen Konflikten – noch ein demokratischer Verfassungstext und entsprechende Gesetze die Essenz der demokratischen Ordnung darstellen.

„Genügte es den Völkern zu ihrem Glück, in einem Winkel des Erdkreises Platz zu finden und sich nach Belieben über unbewohntes Land ausbreiten zu können, dann hätten sich die Spanier Südamerikas über ihr Los nicht zu beklagen (…) Dennoch gibt es keine unglücklicheren Völker auf Erden als die Südamerikas“ (Tocqueville 1961a: 320).

Die „physischen Bedingungen“, d. h. die geopolitische Lage eines Landes, beeinflusse das Schicksal einer Nation viel weniger, als man annehme. Die Ähnlichkeiten der Lage der nordamerikanischen Staaten und derer Südamerikas mache deutlich, dass sie – durchaus verschiedene politische Ordnungen hervorbringend – nicht durch ihre Lage determiniert seien. Tocqueville (1961a: 321) fährt fort, die Gesetzgebung in den jungen USA sei dem Geist des Volkes, das sie lenken solle und der Natur des Landes angepasst:

„Die amerikanischen Gesetze sind also gut, und ihnen ist zum großen Teil der Erfolg der demokratischen Regierung in Amerika zuzuschreiben; ich glaube aber nicht [betont er], dass sie dessen Hauptursache sind. Und scheinen sie mir auch für das soziale Glück der Amerikaner mehr zu bedeuten als die Natur des Landes selbst, so sehe ich andererseits Gründe, die mich glauben lassen, dass ihr Einfluss dem der mœurs nachsteht.“

Mexiko habe eine Verfassung, die jener der USA vergleichbar wäre, betont Tocqueville. Unübersehbar aber könne es sich an die demokratische Regierung nicht gewöhnen.
Es ist keine Frage, dass sich Tocqueville in den zuletzt zitierten Passagen mit einer vorherrschenden Montesquieu-Rezeption auseinandersetzt. Es ist zudem unübersehbar, dass sich seit jener Zeit in Lateinamerika Formen von Demokratie entwickelt haben, von denen Tocqueville nichts ahnte; aber es ist ebenso unübersehbar, dass Tocqueville mit seinen Feststellungen Recht hat: eine nach amerikanisch-europäischen Vorstellungen geordnete Gesellschaft kann sich nur dort entwickeln, wo die entsprechenden mœurs vorherrschen. Man schreibe den geopolitischen Bedingungen ebenso wie den Rechtsregeln und Verfassungsbestimmungen, so schließt Tocqueville , zu hohe Bedeutung zu. „Ich bin überzeugt, dass die glücklichste Lage und die besten Gesetze eine Verfassung nicht ohne Hilfe der mœurs aufrechterhalten können“ (Tocqueville 1961a: 322)
Am Ende des ersten Bandes der Démocratie en Amérique dämpft Tocqueville so die allzu hoffnungsfrohe Erwartung in die Verbreitungsfähigkeit demokratischer Ordnung. Die Menschen können nicht alles machen. Dies bleibt die Überzeugung Tocquevilles. Die die mœurs prägende christliche Religion, an die Tocqueville selbst nicht mehr glaubt, gehört ebenso zu diesen Vorbereitungen einer Gesellschaft auf die Demokratie, wie beispielsweise die moderne Wissenschaft und die Technik, die schrittweise Ablösung des Feudalismus, die Entwicklung eines Selbstverständnisses vom Eigenwert der Person und ihrer Rechte sowie bestimmte Wirtschaftsformen.
Eine tiefe Einsicht in die Grenzen des Machbaren steckt in jenem Brief, den Tocqueville im September 1853 an Francisque de Corcelle schrieb.( Tocqueville, 1983: 81)

„Ich gestehe den Institutionen nur einen zweitrangigen Einfluss auf das Schicksal der Menschen zu, [wäre es anders, fährt er fort] hätte ich größere Hoffnung für unsere Zukunft. (…) die politischen Gesellschaften sind nicht das, was die Gesetze aus ihnen machen, sie sind vielmehr das, was sie lange zuvor vorbereitet: Die Gefühle, die Überzeugungen, die Ideen, die liebgewonnenen Gewohnheiten und der Geist der Menschen, aus denen sie sich zusammensetzen, das, was ihr Naturell und die Erziehung aus ihnen macht.“

Tocqueville redet zu seinem Freund von den mœurs.

Literatur:

Benrekassa, Georges, 1995: Le Langage des Lumières. Paris.
Clark, Thomas, 2004: Zur Wirkungsgeschichte Tocquevilles in den Vereinigten Staaten, in: Herb, Karlfriedrich/Hidalgo, Oliver (Hrsg.), Alter Staat – Neue Politik. Tocquevilles Entdeckung der modernen Demokratie. Baden-Baden, 155–176.
Crick, Bernard, 1959: The American Science of Politics. London.
Eschenburg, Theodor, 1976: Tocquevilles Wirkung in Deutschland, Vorwort zu: Tocqueville, Alexis de (Hrsg.), Über die Demokratie in Amerika. München.
Furet, François, 1965: La Révolution Française. Paris.
Furet, François, 1978: Penser la Révolution Française. Paris. 1978
Hereth, Michael, 1979 Alexis de Tocqueville: Die Gefährdung der Freiheit in der Demokratie. Stuttgart.
Hereth, Michael, 1995: Montesquieu zur Einführung. Hamburg.
Le Cour Grandmaison, Olivier, 2005: Coloniser. Exterminer. Paris.
Le Monde, 11.06.2005: 2–3.
Marti, Urs, 2004: Tocquevilles Wirkungsgeschichte in Europa, in: Herb, Karlfriedrich/Hidalgo, Oliver (Hrsg.), Alter Staat – Neue Politik. Tocquevilles Entdeckung der modernen Demokratie. Baden-Baden, 135–154.
Mélonio, Françoise, 1993: Tocqueville et les Français. Paris.
Nolla, Eduardo, 1985: Alexis de Tocqueville. Una bibliografía crítica. Madrid.
Rédier, Antoine , 1925: Comme disait M. de Tocqueville. Paris.
Tocqqueville, Alexis de 1952 : L’Ancien Régime et la Révolution : Œuvres Complètes. Tome II, Band 1
Tocqueville, Alexis de, 1961a : De la Démocratie en Amérique: Œuvres Complètes. Tome I, Band 1.
Tocqueville, Alexis de, 1961b : De la Démocratie en Amérique : Œuvres Complètes. Tome I Band 2.
Tocqueville, Alexis de, 1962 Ecrits et Discours Politiques: Œuvres Complètes. TOME III, Band 1,
Tocqueville, Alexis de, 1983: Correspondance d’Alexis de Tocqueville et de Francisque de Corcelle : Œuvres Complètes Tome XV, Band 2,

Vorländer, Hans, 2003: Demokratie. München.

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Tocqueville, liberty, L’Ancien Régime, the “noblesse”, business society and ideology

June 13, 2008 at 2:40 pm (About Alexis de Tocquqeville, Politische Philosophie) ()

“Remarks about the evolution, stability, changes and continuity of Tocqueville’s notion of liberty between “De la démocratie en Amérique” and “L’Ancien Régime et la Révolution”

The remark that Tocqueville gives in the “Avant-Propos” of his late book “L’Ancien Régime et la Révolution” is very misleading. He writes : « Plusieurs m’accuseront peut-être de montrer dans ce livre un gout intempestif pour la liberté, dont on m’assure que personne ne se soucie plus guère en France. Je prierai seulement ceux qui m’adressent ce reproche de vouloir bien considérer que ce penchant est chez moi fort ancien. Il y a plus que vingt ans que parlant d’une autre société, j’écrivais presque textuellement ce qu’on va lire. »
Especially the words “presque textuellement” could be misleading for a reader who therefore might not notice the change of intellectual climate in which the two books have been written. For sure, liberty does not change and certainly not in the discourse of Alexis de Tocqueville, but there is an important difference in the mood provoked in the mind of the reader when you compare De la Démocratie and L’Ancien Régime. And this difference certainly is due to the different moods of the author:
Tocqueville writes L’Ancien Régime in deep resignation. Louis Napoléon has taken over power against the constitution and he has destroyed the chance of continuous and peaceful development of the French Republic. Tocqueville retreats from public life and all his letters give testimony of profound disappointment; France is lagging behind in the despotism of the imperial takeover, there is no republic with civic liberties any more. Liberty has been turned into a shadow and public life in France has disappeared. Tocqueville complains the lack of liberty ruling French society. The charm of the experiment to establish a free society has vanished; it is replaced by a frivolous semi-private life dominated by the tyrant Napoléon III. This is the mood in which Tocqueville writes L’Ancien Régime et la Révolution, and this mood marks the difference to De la Démocratie en Amérique. The description of liberty we find in the book on the Révolution has a different flavour. Some bitterness is evident and many allusions against the new régime. There also is an unspoken criticism regarding some of his friends and others, mainly concerning the nostalgic nobility retiring from public life at the time of the republic. He is suffering under the tyranny “like a stranger in his own country” as he writes in several letters to his friends.
*
I’d like to make some remarks about Tocqueville’s notion of Liberty (1) in L’Ancien Régime which is – compared to De la Démocratie – enriched by personal experience. Then (2a and 2b) I will compare certain traits in his two works differently flavoured by the mood of the author, which lead to the change of Tocqueville’s attitude concerning the role of nobility for liberty – at least in France (3). Tocquevilles refreshed appreciation of the role of nobility for the cause of liberty in France allows him to articulate more intensely than in De la Démocratie his disgust regarding the vices of a purely capitalist (4). My paper ends with some short remarks on ideology (5) which Tocqueville discovers in pre-revolutionary France … this is one of the most recent threats to liberty about which Tocqueville utters lucid remarks in L’Ancien Régime.
*

(1)Liberty
One thing is certain: Tocqueville reflects too on his personal experience with regard to the liberty to act; and his praise of freedom is not only an analytical result of reflections and convictions but a testimony of experience. The colour of his discourse in L’Ancien Régime is now impregnated by the experienced charms of liberty and by the regret of its loss.
When writing « De la Démocratie en Amérique » the aim of Tocqueville was to show French citizens and for sure French enlightened classes (mainly but not exclusively the nobility, better: all the “natural” aristocracy of France) that democracy can work in a very stable manner. American democracy was presented – mainly in the first volume – to be a paradigm for France. Not to be copied but as an example. The American Union was presented by Alexis de Tocqueville as a functionable and therefore convincing order. Full of optimism the French nobleman wanted the French ruling class to learn from the American example how to organize a society of free citizens in stability. He is quite a teacher for France. And through his teaching Alexis de Tocqueville tries to convince. He is rhetoric in the best sense of the word.
In so visible a contrast to this central aim of this convincing undertaking Tocqueville’s second masterpiece talks in a different mood. There was his parliamentary experience, public office, the events of 1848/49 and there was the coup d’état of Bonaparte III … the hope for a democratic and well-ordered France at least in the short run became non-existent. Tocqueville is no longer sure anymore that France – at least France in his lifetime – will be able to create a stable and democratic or egalitarian order. Sings of insecurity from the great author are present and from the homme politique having retired from politics. His question now: “Is France able and ready for democracy?” Tocqueville is no longer an advocate convinced by his cause: The possibility of an egalitarian and free society with liberty in its centre for France. His question among others is now: “Why did democracy fail to combine with liberty in France?” And the hesitating answer to that crucial question at least forces him to underline some thoughts which were not that central in the Democracy.
Sure liberty is to be guaranteed by constitutions and forms, but its center is in the order of the soul of the free man, and it becomes visible in his actions. The free man appears in public and by his example continues the tradition of free existence under the law. Tocqueville when writing L’Ancien Régime is a retired homme politique. From his youth onwards – as we know – he desired to live a public life. And he experienced this kind of life. Elected in Parliament, short time minister for foreign affairs, local leader and eminent actor in different issues, he has been an influential politician. And for sure he greatly appreciated this kind of existence. This was very important an experience for Alexis de Tocqueville to live a public life and he now is suffering: liberty has disappeared as a realm between free men.
One cannot speak about liberty as if it were an outside factor. Outside there are conditions for freedom. The centre of liberty is inside man. Placed in the soul of the free it is a result of an inclination, a taste, something nobody can appreciate before experiencing it. “Ne me demandez pas d’analyser ce goût sublime, he writes in L’Ancien Regime , il faut l’éprouver. Il entre de lui-même dans les grands cœurs que Dieu a préparé pour les recevoir ; il les remplit, il les enflamme.” No doubt: Tocqueville in his lifetime was fascinated by the existential peculiarity of liberty which allows citizens and allowed him to appear in public. He says about liberty: “Ce qui, dans tous les temps, lui a attaché si fortement le cœur de certains hommes, ce sont ses attraits mêmes, son charme propre, indépendant de ses bienfaits ; c’est le plaisir de pouvoir parler, agir, respirer sans contrainte sous le seul gouvernement de Dieu et des lois. “ He has experienced this kind of “public happiness” and for him it is an enormous loss caused by the takeover of Napoléon III. Free public life disappeared.
Tocqueville apparently wants to reintroduce at least partially La Liberté des Anciens into this world dominated by La Liberté des Modernes. For Tocqueville liberty is not to be divided: If there is only the private part of liberty, this might destroy the political basis of liberty by reducing liberty to an individualist way of life … nobody or not enough people will defend it in case of challenge. His famous chapter on individualism in De la Démocratie speaks of drying out liberty by a kind of privatization. Therefore too his notion of liberty is liberty to act in public and: to act in common. “Après la liberté d’agir seul, la plus naturelle à l’homme est celle de combiner ses efforts des ses semblables et d’agir en commun. Le droit d’association me paraît donc presque aussi inaliénable de sa nature que la liberté individuelle.”
Sure there are constitutional guarantees required to give birth to the possibility of liberties and rights; the stability and continuity of society are a requirement, but Tocqueville’s main purpose is the freedom to act. And this requests certain attitudes, virtues as for example courage, and for sure: mœurs compatible with freedom or even more: mœurs encouraging men to be free.

(2a)The American Democracy
In the beginning there is optimism. When Alexis de Tocqueville gives his analysis of the constitution, the political life and the spirit of liberty he discovers in the United States of America he wants to teach and to convince his fellow-citizens to follow the American example. There is a constitution of freedom. There is a spirit of liberty. There is a paradigm of a free order which might help to overcome French post-revolutionary disorder. The American Union shows that the most frightening regime for French conservatives, legitimists, royalists and many others: democracy, is NOT a government of chaos and anarchy but an order which enables its citizens to live in freedom, to enjoy political and private liberties and to live in a safe and secure and stable society.
There are two ways of teaching and worshipping liberty in De la Démocratie en Amérique:
a. Tocqueville praises the efficient and even in economics helpful effects of liberty. He shows how the political liberty to act, to interfere and to be a full citizen with rights and duties stabilizes and improves the whole society. He tries to make his readers appreciate the extraordinary quality and the enriching effects of liberty. In the best sense of the word De la Démocratie en Amérique is a book of propaganda for political freedom. Liberty and its instrument for survival in an egalitarian society: democracy, are praised and propagated. The reader shall be convinced and won over for the common cause: a democratic order granting liberty.
b. Tocqueville’s second aim is to win over the ruling class for his goal to establish a democratic order that develops and educates the people and its mœurs, habits and customs. This is where Tocqueville’s second teaching takes place. You may convince people or an assembly of persons (I dare say: “individuals”) to approve of the advantages of democratic rules and democratic forms of government, but these purely intellectual convictions probably won’t survive the first serious crises of this society if the mœurs do not support the convictions. Therefore the second aim of Tocqueville is to gain support for an institutional framework and for a reform that puts into its center the education of good citizens. Local politics, juries, the associations but also the “artificial” aristocracy of the judicial class, all the framework Tocqueville permanently calls “primary school of democracy” are concerned here.

France cannot copy the institutions and the whole framework of the American commonwealth. When writing De la Démocratie en Amérique Tocqueville was convinced that the American example would be able to teach the French leading classes and to convince many others how to learn from the Americans. . ”Ne saurait-on imaginer une société démocratique où les forces nationales seraient plus centralisées qu’aux Etats Unis, où le peuple exercerait un empire moins direct et moins irrésistible sur les affaires générales, et où cependant chaque citoyen, revêtu de certains droits, prendrait part, dans sa sphère, à la marche du gouvernement ? Ce que j’ai vu chez les Anglo-Américains me porte à croire que les institutions démocratiques de cette nature, introduits prudemment dans la société, qui s’y mêleraient peu à peu aux habitudes et s’y fonderaient graduellement avec les opinions mêmes du peuple pourraient subsister ailleurs qu’en Amérique. “
For sure he has some restrictions in mind. The quote I give talks about “democratic institutions” but the main interest of Tocqueville is to mix democratic institutions with the customs and opinions of the people; the stability of the American experiment depends mainly on one group of conditions: les mœurs. Alexis de Tocqueville is convinced that the customs, the habits of behaviour, the habits of the heart, the whole way of public life, the manner in which people perceive public life, talk about it and use a public language with its symbols (that’s what he calls “les mœurs”) . And these factors constitute the decisive element for the establishment and the stability of democracy in the US. The larger part of the second volume of “De la Démocratie en Amérique” gives an analysis of the particular mœurs of democracy. The first volume describes how the public life in America, the culture of behaviour and the American political Institutions encourage or conserve mœurs which enable the society concerned to live democracy and to be free. And these mœurs do not exist everywhere.
The great advantage for the Americans, their distinguishing quality, is the reinforcement which their specific mœurs give to democratic life. At the end of the first volume the reader finds a kind of concluding chapter which searches for the central reasons of the stability and self-conservation of the American Union. He there explains: the “mœurs” are more important for the stability of the American Union than the constitution and these both have more importance than the geopolitical situation of the US.
When searching for the reasons for the failure of the French experiment to found a democratic republic Tocqueville looses no time in underlining the differences of customs and habits and patterns of thought (which even today one easily can discover) between the Americans and the French. Long before the outbreak of the Revolution France ruled by her kings had developed such an accumulation of different mœurs that for Tocqueville there lays hidden one of the main reasons for the French disaster which repeatedly turned the country into tyrannical government. The peculiar customs of America were its main support to conserve liberty and stability as the centre of its order. The apparent lack of democratic customs and mœurs in France is seen by Tocqueville as something to be overcome: The main role of the nobility in France is or should have been to teach by its own example the thoughts, behaviour and mœurs of liberty.
What for the Americans is a gift of history in France could have been created by the educated classes, mainly by the nobility: They had patterns of thought and behaviour oriented towards the aim of liberty.

(2b)Disorder in France
Towards the end there is disappointment. As the undertaking to create a stable democracy in France has failed, Alexis de Tocqueville when writing L’Ancien Régime changes his attitude: His writing, his letters and this second book are much more analytical now. Besides the acid remarks on the lack of liberty and the tyranny of Le petit Napoléon the leading question now is no more but

Virtues and vices
L’Ancien Régime et la Révolution in its description of the liberty lost in France has this very different flavour that liberty is much more a result of certain virtues. One cannot establish a free society without these virtues of courage, excellence, pride, self-confidence and evident leadership which the Americans had – in at least their ruling classes – as a gift from history. The history of France produced hatred of the common man against the nobility which was ruled by these virtues. It is quite astonishing to find in nearly every chapter of L’Ancien Régime words appearing like “hatred” or “fear” which are practically not used at all in De la Démocratie For Tocqueville there is no doubt: hatred and fear don’t make good citizens
In a very detailed description Tocqueville demonstrates how French kings and their administrations by imposing unequal taxes and destroying common local institutions divide the groups and classes and estates. By this way they alienated the classes from each other.. There is nothing any more in common; the classes become strangers to each other and even enemies. The result shows the significant difference to the American example:”Quand les différentes classes qui partageaient la société de l’ancienne France rentrèrent en contact, il y a soixante ans, après avoir été isolées si longtemps par tant de barrières, elles ne se touchèrent d’abord que par leurs endroits douloureux, et ne se retrouvèrent que pour s’entre-déchirer. Même de nos jours leurs jalousies et leurs haines leur survivent.” Years before Tocqueville delineated how the Americans worked together for the common and the personal interest. They were guided towards cooperation with the help of local institutions which taught the citizens to work together. By this they approach each other with the result of mutual appreciation. “Les institutions libres que possèdent les habitants des Etats-Unis, et les droits politiques dont ils font tant d’usage, rappellent, sans cesse et de mille manières, à chaque citoyen, qu’il vit en société. Elles ramènent à tout moment son esprit vers cette idée, que le devoir aussi bien que l’intérêt des hommes est de se rendre utiles à leurs semblables ; et, comme il ne voit aucun sujet particulier de les haïr, puisqu’il n’est jamais ni leur esclave ni leur maître, son cœur pence aisément du coté de la bienveillance. On s’occupe de l’intérêt général par nécessité, et puis par choix ; ce qui était calcul devient instinct ; et, à force de travailler au bien de ses concitoyens, on prend enfin l’habitude et le goût de les servir. ”
Hatred, jealousy and animosity in contrast to this characterize the French reality inherited by pre-revolutionary society, while the Americans feel benevolence and develop the pleasure to serve, to live public life, to experience “public happiness” as part of their lives. The difference of habits or mœurs becomes evident: French liberty has to fight France’s history which has divided the classes; so it has problems to survive. There evidently is no liberty if the citizens do not and cannot cooperate, and by this fact important decisions are to be taken by central governments and mainly central administrations. The liberty to act and to act in common is not an experience of citizens in this kind of society.

(3)The example of the nobility
The loss of the old aristocracy in France destroyed the most important example of a free way of life visible in the existence of the nobles in France. Even in the beginning of the Revolution there is a spirit of liberty in the hearts and mœurs of the aristocracy “infiniment plus haute […] que le Tiers Etat, qui bientôt renversa la royauté”
This class of noblemen for Tocqueville could have replaced the lack of established mœurs he has observed as the main substance of liberty in America. “Une classe qui marche pendant des siècles la première a contracté dans ce long usage incontesté de la grandeur, une certaine fierté des cœur, une confiance naturelle en ses forces, une habitude d’être regardée qui fait d’elle le point le plus résistant du corps social. Elle n’a pas seulement des mœurs viriles ; elle augmente, par son exemple, la virilité des autres classes […] Rien ne saurait la remplacer complètement.”
One will surely not find in De la Démocratie en Amérique an eulogy comparable to this one talking of European nobility serving as a paradigm of free existence in society. For Tocqueville evidently liberty in France has to have a different appearance to survive the threat of tyranny. He even praises the sense of independence of the clergy granted by charters and supported by their spirit, their properties and their mœurs to have been a basis of liberty against the civil power of the centralizing state. He insists that the people who expropriate the church “se privent eux-mêmes d’un très grand element de liberté”

The concentration of power
In De la Démocratie en Amérique the movement of society which he calls “Démocratie” for Tocqueville includes the establishment of equality that is mainly the abolishment of all privileges. And this includes the destruction of the former existing aristocracy of which he had been a part: the prerogatives of the nobility are not compatible with the constitution of freedom for all. Now in L’Ancien Régime Tocqueville states more distinctly that without a nobility any society has enormous problems to escape from absolute government and therefore to escape from serfdom. He argues as he always did against absolute power and an absolute government. But now his argument is different: Centralization produces the most pernicious effects, despotism, if there is no aristocracy.
At latest in the chapter V of the first book of L’Ancien Régime Tocquevilles announces his enterprise to demonstrate that liberty without a kind of leading class which has certain rules and virtues cannot exist. Here he states that the Revolution has destroyed or is destroying “(car elle dure encore)” all which “dans l’ancienne société, découlait des institutions aristocratiques et féodales…” Liberty needs the existence of an aristocracy, teaching by example, in order to stay alive in France.
The concentration of power which is not the product of the Revolution is the main institutional threat to liberty in any constitution. Tocqueville argues that centralization is the beginning and the announcement of the Revolution; and this concentration of power in the hand of the King and its administration is closely connected with the destruction of aristocracy. “Quand un peuple a détruit dans son sein l’aristocratie, il court vers la centralisation comme de lui-même. Il faut alors bien moins d’efforts pour le précipiter sur cette pente que pour l’y retenir.”

The main addressee of De la Démocratie being the French ruling class and especially the liberal part of the aristocracy which ruled alone in the past, Tocqueville now in his book on the Revolution shows that the non-existence of this afore mentioned aristocracy – or one might say its disengagement – is and was extremely harmful for the development of democratic order in France.
In the Democracy the qualities and positive effects of liberty are dominating the description; the public virtues of the citizens being part of the well ordered democracy are shown as important and a most active ingredient of the order. The lack of democracy and rule of law in the time when Tocqueville writes L’Ancien Régime urge him to talk about the vices and negative effects ruling in an order where liberty is not present.
There is no other kind of political order that favors that much the outbreak and dominance of vices than despotism without nobility. To say it in Aristotelian terms: There are no examples of “the good life” visible for all citizens. The retreat from public life, the flight into business as only sphere where citizens can act in restricted liberty and the predominance of individualism are the children of this despotism.
In such a society individualism is predominant, and “La liberté seule au contraire, peut combattre efficacement dans ces sortes de sociétés les vices qui leur sont naturels et les retenir sur la pente où elles glissent. Il n’y a qu’elle en effet qui puisse retirer les citoyens de l’isolement dans lequel l’indépendance même de leur condition les fait vivre, pour les contraindre à s’rapprocher les uns des autres, qui les réchauffe et les réunisse chaque jour par la nécessité de s’entendre, de se persuader et de se complaire mutuellement dans la pratique des affaires communes. Seule elle est capable de les arracher au culte de l’argent et aux petits tracas journaliers de leurs affaires particulières pour leur faire apercevoir et sentir à tout moment la patrie au-dessus et à côté d’eux ; seule elle substitue de temps à autre à l’amour du bien-être des passions plus énergétiques et plus hautes, fournit à l’ambition des objets plus grands que l’acquisition des richesses, et crée la lumière qui permet de voir et de juger les vices et les vertus des hommes.“ In the societies dominated by individualism there is a decline of virtues :“L’envie de s’enrichir à tous prix, le gout des affaires, l’amour du gain, la recherche du bien-être et des jouissances matérielles y sont les passions les plus communes.“

(4) Business society
Tocqueville’s indeed very aristocratic or noble concept of liberty, which is liberty to act, to act in common and to appear in public allows him to oppose against simplistic concepts of freedom which reduce free society into a kind of free business society. He is full of contempt against certain patterns of bourgeois behavior based on greed, money, profit and the desire for accumulation that is: he despises the virtues required for pure capitalism.
Here we enter into an interesting stream of thought that is present in De la Démocratie en Amérique but in a much less elaborated fashion: Tocqueville – as we saw – is criticizing the dominating “virtues” of a social order which today we call . By this I mean a society which in his political or social sphere as in many others is reduced to economy. For Tocqueville there is an important separation of spheres between the organization and distribution of production and services on the one side and all other parts of men’s social and political existence on the other. The reduction of men into a wealth-accumulation and profit-seeking animal that besides that lives a private life is discussed in De la Démocratie in the chapters about individualism. The problem of liberty opposed to this reduction of man is not discussed in depth there because the American solution allows the organization of liberty in a society which re-vitalizes existing mœurs with the help of public life and institutions of participation. Here business society is a deviation and an accidental threat to liberty in a peculiar period of development of any democratic people. “Lorsque le goût des jouissances matérielles se développe chez un des ces peuples plus rapidement que les lumières et que les habitudes de la liberté, il vient un moment où les hommes sont emportés et comme hors d’eux-mêmes, à la vue des ces biens nouveaux qu’ils sont prêts à saisir. Préoccupés du seul soin de faire fortune, ils n’aperçoivent plus le lien qui unit la fortune particulière de chacun d’eux à la prospérité des tous. Il n’est pas besoin d’arracher à de tels citoyens les droits qu’ils possèdent ; ils les laissent volontiers échapper eux-mêmes. “ But the Americans succeded in overcoming this threat. “Jusqu’à présent, les Américains ont évité avec bonheur tous les écueils que je viens d’indiquer ; et en cela ils méritent véritablement qu’on les admire. “ The American mœurs help the society no to fall into the trap of wealth-seeking with no regard for liberty.

France lacking comparable mœurs favoring liberty and citizens-participation could not go this way. Therefore the opposition against this way of life turns into a different shade in L’Ancien Régime. Tocqueville shows all his disgust against this depravation of men by enumerating the vices that accompany this business society. In Les Souvenirs he decries France which – as he says – has been reduced to a giant .

(5) The discovery of ideology
Tocqueville points out, that modern France has inherited a kind of public debate and public discourse which is extremely different to that of the American or the Anglo-Saxon case: Without participation in public affairs and without the following practical experience intellectuals turn to be a threat to liberty.
The French intellectuals have so greatly dominated – and continue to do so – public affairs and public discussion with their worldless ideas that the sort of practical sense which Tocqueville so much approved of in the US did not prevail. “La France était depuis longtemps, parmi toutes les nations d’Europe, la plus littéraire; néanmoins les gens de lettres […] n’étaient point mêlés journellement aux affaires, comme en Angleterre : jamais au contraire, ils n’avaient vécu plus loin d’elles ; ils n’étaient revêtus d’aucune autorité quelconque, et ne remplissaient aucune fonction publique dans une société déjà toute remplie de fonctionnaires.[…] Ils s’occupaient sans cesse des matières qui on traite au gouvernement ; c’était là même, à vrai dire, leur occupation propre.“
These intellectuels who were “pensent qu’il convient de substituer des règles simples et élémentaires, puisées dans la raison et dans la loi naturelle, aux coutumes compliquées et traditionnelles qui régissent la société de leur temps.“ Their theories which were abstract and without any connection to the practice and experience lacking any instruction which liberty in society gives even to the common man involved in affairs.
And: As the people and also the leading class (except the administrators) were totally ignorant, not being involved in public affairs, they fell into the trap of taking that kind of reflection to be serious. This was as Tocqueville says: a very specific education of the people.
The result of this phenomenon is a split in society without trespassing: Two worlds totally divided.
*The one world where the administration led by routine governs the country
*and this other world of thought without reality which governs the spirits proclaiming abstract principles.
“Au-dessus de la société réelle, dont la constitution était encore traditionnelle, confuse et irrégulière, où les lois demeuraient diverses et contradictoires […] il se bâtissait peu à peu une société imaginaire, dans laquelle tout paraissait simple et coordonné, uniforme, équitable et conforme à la raison. “
The most astonishing aspect for Tocqueville is the fact, that people believed, the dreams of the intellectuals to be an interpretation of the American Revolution “Les Américains ne semblaient qu’exécuter ce que nos écrivains avaient conçu.”
These dreams were not that innocent as one might think. In a note in L’Ancien Régime Tocqueville sharply distinguishes the ideological background of the main thinkers he is talking about : “On a dit que le caractère de la philosophie du dix-huitième siècle était une sorte d’adoration de la raison humaine, une confiance sans bornes dans sa toute-puissance pour transformer à son gré lois, institutions et mœurs. Il faut bien s’entendre : c’était moins encore, à vrai dire, la raison humaine que quelques-uns de ces philosophes adoraient que leur propre raison. Jamais on a montre moins de confiance que ceux-là dans sagesse commune. Je pourrais en citer plusieurs qui méprisaient presque autant la foule que le bon Dieu. Ils montraient un orgueil de rivaux à celui-ci et un orgueil de parvenus à celle-là. La soumission vraie et respectueuse pour les volontés de la majorité leur était aussi étrangère que la soumission aux volontés divines. “ France by this stream of thought looses the sense for human and decent liberty and finally becomes the prey of a new kind of until now unknown race of uncontrolled and unscrupulous revolutionaries who execute any new project without any sense of constraint. They continue to be present.
These kind of persons are the result of an existence which does not care about the reality existing but worships the realization of dreams. There is no place for liberty when violent dreamers enter politics. Their liberty is the liberty of self-proclaimed Gods reshaping or “improving“the Creation and not the liberty of man within the world. It is a vice not to be humble.
Tocqueville discovers a threat to liberty which was to become omnipresent in the twentieth century and which has for sure one of its origins at the time before the French Revolution.

Michael Hereth

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LA CAMPAGNE DE SARKOZY

April 21, 2007 at 2:39 pm (Politique cotidienne, Uncategorized)

LA CAMPAGNE DE SARKOZY EST DEMAGOGIQUE ELLE PROMET
MAIS ELLE NE DIT RIEN DE CONCRETE.
IL PARLE DE SES BUTS MAIS CELA EST COMME LE PSG : LE BALLON N’ENTRE PAS TOUJOURS MEME SI L’ON VEUT.

Pour donner un exemple de la démagogie de l’équipe Sarkozy
je cite là-dessous la lettre :

LES SUPPORTERS DE NICOLAS SARKOZY

Tout ce qui est en italique est de Sarkozy ; mes commentaires sont tout ce qui n’est pas en italique. Le document est pour les gens qui font campagne pour Sarkozy. Il propose les
« informations » pour convaincre que c’est possible de réduire le chômage en cinq ans quasiment à zéro. Ile document produit toute un vague de faits qui paraissent d’être convaincants. Si l’on regarde de plus prêt : le document essaye de rendre saoul celui qui écoute ou lit. Les informations données font impression d’être sérieux, en fait ce sont des informations qui exclusivement par leur grand nombre semblent convaincantes. Ils ne le sont pas. C’est la pure rhétorique dans le sens négatif du mot.

“”GRACE A VOTRE ACTION TOUT DEVIENT POSSIBLE !

Jeudi 19 avril 2007 J-3

PARVENIR AU PLEIN EMPLOI EN CINQ ANS
Atteindre le plein emploi signifie baisser le taux de chômage de 3,4 points,
soit créer 1 million d’emplois (de 2,3 millions à 1,3 millions de chômeurs),
mais aussi donner un emploi à ceux qui sont actuellement exclus du marché du travail : mères isolées, jeunes, seniors … soit encore 1,2 millions d’emplois à créer pour atteindre des taux d’activité comparables à la moyenne de l’UE 15.
Cet objectif est réalisable. Depuis 15 ans, plusieurs pays européens, représentant des modèles économiques et sociaux très différents, comme le Danemark, la Suède, le Royaume-Uni, l’Irlande, l’Espagne ont en effet réussi à réduire dans des proportions similaires leur taux de chômage. “”

Ici commence déjà la partie farfelue du document :
Si depuis 15 ans d’autres pays européens ont donné un
exemple à suivre pour la France … pourquoi le vice-Premier
Ministre Sarkozy n-a-t il pas proposé des politiques
pareilles en France ?
On est dans une campagne électorale ou participe un ange
tombé du ciel. Cet Ange, un certain M. Sarkozy, qui n’a
rien à faire avec le gouvernement sortant et pour cette
raison il peut faire de tous nouveaux propos jusqu’à
maintenant inconnus pour réduire le chômage en France.

“”2. Les gisements d’emplois nécessaires existent dans l’économie française. Il faut
les mobiliser :
l’institut indépendant Rexecode a chiffré à 200 000 emplois le nombre d’emplois
créés par la seule mesure sur l’exonération des heures supplémentaires
que propose Nicolas Sarkozy ………… ;
350 000 offres d’emplois restent insatisfaites chaque année, dont une
grande partie dans l’artisanat ;
“”

C’est un truc plutôt magique qui est proposé là :
350 000 emplois seront créés par un clic de bâton marque Sarkozy :
Un chômeur qui (par exemple) travaillait jadis dans une
entreprise comme comptable devient un maçon ou un
charpentier « dans le bâtiment » et ainsi de suite comme
si chaque chercheur d’emplois pouvait pratiquer n’importe quel job. (C’est comme cet ancien Vice Premier-Ministre qui soudainement devient un ange innocent et maintenant il veut devenir un tout nouveau Président de la République)

“”1,2 millions d’emplois pourraient être créés dans le secteur du commerce
et de l’hôtellerie-restauration si celui-ci employait la même proportion de salariés que le même secteur en Allemagne ;””

Ah ça devient encore plus magique : 1,2 millions d’emplois
« pourraient être créés » dans tel et tel secteur, « si … »
mais tant que l’on voit le commerce et l’hôtellerie
n’emploient pas autant que les Allemands. Pas un mot sur les moyens comment imposer cette idée merveilleuse.
( C’est comme ce candidat à la Présidence de la République qui pourrait si bien devenir Président
s’il y avait deux postes de Président de la République … si la constitution de la France était celle de l’ancien Rome – ces malins avaient toujours deux consuls !) Mais cela et de la rêverie.
Et apparemment la rêverie n’est plus un privilège
( comme jadis ) des idéologues du marxisme-léninisme.
Aujourd’hui un bon libéral à la Sarko ça rêve comme dans le passée les cocos.

“”500 000 emplois dans les services à la personne seront créés d’ici 2009. Si chaque
ménage consommait deux heures de services supplémentaires par semaine
, cela donnerait un million d’emplois de plus ;””

De nouveau la grammaire d’une phrase se montre d’être plus révélateur que le prétendu contenu : « Si chaque ménage consommait … » eh oui, et si les dettes publiques des différents budgets déficitaires de la France n’existaient pas nous aurions assez d’argent pour des travaux publics nécessaire ET … il n’y avait pas de chaumage. Ou comme dit Sarko : « cela donnerait un million d’emplois de plus » Ainsi on bat tous les records .. de promesses au moins .

“”800 000 nouveaux emplois devraient voir le jour dans les fonctions d’encadrement et d’expertise (et dans les emplois liés à la mondialisation (transport et logistique, marketing, design, protection juridique, fonctions commerciales et vente) ;””

C’est un chiffre superbe. Pourquoi pas 1,200 000 millions de nouveaux emplois ? Et pourquoi pas moins 300 000 que l’année dernière ? Il y a vraiment du magique dans ce concept de Sarkozy. C’est un beau compte de fées.

“”jusqu’à 240 000 nouveaux emplois pourraient être créés en rapport avec les
énergies renouvelables et des centaines de milliers d’autres dans le secteur de l’Internet
et des télécommunications ;””

La question se pose : si on peut créer des postes en
rapport avec des énergies renouvelables pourquoi ne fut
cela pas déjà fait sur l’initiative du Vice
Premier-Ministre du gouvernement sortant. On aurait pu déjà longtemps créer des postes pour des Chômeurs … « que le même secteur en Allemagne ; » Mais Sarkozy n’a rien fait. Il promet pour le futur … Comme jadis Chirac.

“”enfin, en se fixant un objectif de 2 000 PME de 500 salariés, c’est 1 million d’emplois supplémentaires qui seront créés.””

Parfois la langue est traître : « en se fixant un objectif » on ne
crée rien. En réalisant un objectif on crée des jobs et
des emplois.

Si je me fixe l’objectif de devenir riche je ne crée rien non plus … peut-être même une faillite.
C’est un peu apparent que Monsieur Sarkozy en se fixant l’objectif de devenir Président de la République pourrait bien créer une situation de faillite de notre France.
Faut pas se laisser séduire.

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SARKOZY n’est pas un homme politique responsable

March 25, 2007 at 10:02 pm (Politique cotidienne)

Dans une démocratie un homme politique à besoin de deux capacités particulières : Primo il doit être capable de faire le nécessaire pour que le pays fleurisse ; il a besoin de la vertu de distinction du possible et du nécessaire. Il a besoin de la vertu de la modération pour bien faire les choses, et il a besoin de la capacité de choisir le bon moment pour agir.
Secundo il doit avoir la capacité de gagner du support des citoyens pour ses actions : on ne peut pas agir seule et on ne peut pas agir contre les avis et les opinions des citoyens. Il faut avoir la capacité de convaincre les citoyens pour gagner des majorités ou pour les renouveler.
Il me paraît que Sarkozy n’a que la moitié de la deuxième capacité : il peut peut-être séduire les citoyens de voter pour lui. Mais il me paraît qu’il séduit plus qu’il soit convaincant.

Cette campagne électorale se déroule comme s’il n’y avait pas eu un gouvernement qui a gouverné la France pendant les dernières cinq années.
Il n’y a pas de bilan, ni un débat sur les succès et les échecs de ce gouvernement. Pourtant : Un des candidats à la Présidence de la République était pendant toute la période électorale passée ministre et même longtemps le premier des ministres après le Premier Ministre : Nicolas Sarkozy. Le ministre de l’intérieur a participé et contribué dans ces gouvernements dirigés par Raffarain et de Villepin. Mais il refuse la responsabilité pour les actes de ce gouvernement. Il parle même de rupture.
C’est étrange de ne pas vouloir accepter la responsabilité pour les décisions et les
non-décisions d’un gouvernement duquel on était « la deuxième tête ». N’a-t-il pas consenti aux décisions ? N’avait-il pas de succès avec ses propositions ? On ne le sait pas. Mais on connaît un principe de la République sans lequel tout gouvernement responsable devient impossible : La responsabilité de tous les ministres pour tous les actes et toutes les non-décisions du Conseil des Ministres. Cela s’appelle la responsabilité collective des membres du gouvernement.
Je ne partage pas les opinions de Monsieur Chevènement. Mais je dois dire : il donne un exemple d’honnêteté. Il ne consentait pas à la décision de son gouvernement ( il était ministre de la défense à l’époque ) d’envoyer des troupes françaises dans la PREMIERE guerre contre l’Iraq. Il a quitté son poste de ministre. Lui, il ne collait pas a son poste. …
Il y a un deuxième refus de responsabilité : Sarkozy avec fait beaucoup de bruit au début de son temps de ministre de l’intérieur. Il paraissait comme hyperactif, se présentant partout où il y avait un problème. Il voulait mettre dans un meilleur état les banlieues. Il savait même mieux que les juges comment il faut traiter des jeunes délinquants. Sarkozy faisait des grands discours, beaucoup de promesses ( un peu comme Chirac dans la campagne électorale qu’il menait pour devenir Président ) MAIS ENFIN IL N’Y A PAS DE RESULTATS, qui correspondent au discours de Sarkozy. Je crains qu’il n’soit que un orateur doué mais pas un acteur appliqué. Il ne faut pas se laisser séduire.

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